gefährliche Mittelkombinationen

Medizin und Phytotherapeutika sind nicht immer eine gute Kombination. Einige Kombinationen können im Zweifel sogar tödlich sein, die Frage ist nur, welche? Zu wissen, was man tut, ist daher unabdingbar.

In der Lebensmittelindustrie wird eine unüberschaubare Produktvielfalt hergestellt und insbesondere wird eine kaum noch zu überblickende Zahl an diätetischen Produkten, Nahrungsergänzungsmitteln und auch phytotherapeutischen Produkten (teilweise bekommt man sie bereits beim Discounter) angeboten. Inwieweit diese Mittel wirksam oder nützlich sind, ist umstritten, aber trotzdem werden sie gekauft und eingenommen.


Können Phytotherapeutika gefährlich sein? Ein paar Beispiele:

Mitunter wird man in einer Arzt- oder Heilpraktiker-Praxis aufgefordert, zu erzählen, welche Medikamente man einnimmt - dabei übersehen wird oft, dass auch Nahrungsergänzungen und Phytotherapeutika medikamentenähnliche Wirkungen haben, zumindest haben sie aber einen bestimmten Einfluss auf den Organismus (sonst würden wir sie ja nicht nehmen...).

Leider sind die Wirkungen von all diesem Mitteln, gerade wenn man sie in Kombination einnimmt, nicht immer positiv und vorhersehbar, im schlimmsten Fall sind sie sogar tödlich. Das ist wie wenn man z.B. Viagra mit Grapefruitsaft einnimmt und auf diese Weise Nebenwirkungen wie pectanginöse Beschwerden oder gar einen Herzinfarkt provoziert. Oder man nimmt Johanniskrautpräparate ein und wundert sich dann über die ausbleibende Wirkung von Viagra. Oder man unterdrückt, wissentlich oder unwissentlich, die Wirkung der Antibaby-Pille mit Johanniskraut- Mitteln.


Welche Verantwortung haben wir als Verbraucher bei der Einnahme von Nahrungsergänzungen, Phytotherapeutika oder Diätetika?

Ein vom Research Council of Norway and the Norwegian Cancer Society finanziertes Projekt der NTNU (THE NORWEGIAN UNIVERSITY OF SCIENCE AND TECHNOLOGY) http://www.ntnu.no/portal/page/portal/eksternwebEN versucht sich an einer Studie, heraus zu bekommen, welche Kombinationen von Phytotherapeutika und gewöhnlichen (schulmedizinischen) Medikamenten schädlich ist.

Der Projektleiter Professor Odd Georg Nilsen sagt dazu: "Wir können nicht sicher sagen, ob z.B. Knoblauch wirklich immunstärkend ist. Aber wir wollen eine Aussage darüber machen, ob Knoblauch oder auch andere Heilkräuter eine wirkungsverändernden Effekt auf gewöhnliche Medikamente hat. Unsere bisherigen Kenntnisse darüber sind höchst unzulänglich - besonders vor dem Hintergrund der Tatsache, dass eine grosse Zahl an Phytotherapeutika am Markt ist

Alles, was wir essen, egal ob Nahrung, Getränke oder Medikamente, durchläuft unseren Magen und unser Verdauungssystem und alles dies wird ein einziger grosser gemixter Brei, der von der gleichen Suppe von Verdauungsenzymen etc. zerlegt wird.

Wenn man krank ist, hängt die Wirkung eines Medikamentes u.a. von der Dosierung ab. Die Dosis muss oft angepasst werden, wenn gleichzeitig andere Medikamente gegeben werden oder wenn veränderte Lebenssituationen dies erfordern. Schon dieses komplexe Wechselspiel ist schwer in den Griff zu bekommen. Eine dieser Mittel bzw. Drogen verstärken sich gegenseitig in ihrer Wirkung, andere schwächen sich einander ab - u.U. braucht man die doppelte Dosis eines Medikamentes um überhaupt noch eine Wirkung zu erzielen.

Die norwegische Studie zielt darauf ab, einen systematischen Überblick darüber zu bekommen, welche unterschiedlichen Effekte Phytotherapeutika in Kombination mit den diversen Medikamenten haben können. Irgendwie ist es ein wenig so als ob Phytotherapeutika und schulmedizinische Medikamente miteinander um den therapeutischen Effekt konkurrieren und sich den Platz streitig machen wollen. Dieser Wettkampf findet v.a. im Verdauungssystem statt und in der Leber statt: Der Darm bestimmt wie schnell ein Mittel aufgenommen wird und die Leber wiederum bestimmt mit ihren Enzymen wie schnell das Mittel oder seine Abfallprodukte wieder abgebaut und aus dem Körper ausgeschieden wird.

"Es ist als gäbe es eine Warteschlange vor der Tür" sagt Prof. Nilsen. Die Leute schlucken oben etwas und die stärksten dieser Mittel bestimmen wo es lang geht. Wenn das Phytotherapeutikum das wirksamste Mittel ist, wird das zu einer Wirkungsverzögerung bei anderen Medikamenten führen und umgekehrt. Wird die Filtration in der Leber beeinflusst, kann es zur Ansammlung von Giftstoffen kommen und schlimmstenfalls wird nachhaltiger Schaden angerichtet.


Die Studie wird in unterschiedlichen Testsystemen im Labor durchgeführt. Darmwand- und Leberzellen werden einer Kombination von Phytotherapeutika und schulmedizinischen Medikamenten ausgesetzt und dann wird untersucht, welche Veränderungen sich an den Zellen ergeben. Das ist insofern besonders schwierig als mehrere Wirkstoffe in einem Phytotherapeutikum ganz andere Wirkungen haben können wie Einzelwirkstoffe, Auch können die phytotherapeutischen Wirkstoffe einen ganz anderen Effekt auf schulmedizinische Medikamente haben, wenn diese phytotherapeutischen Wirkstoffe aus ihrer Einbettung in die Umgebung eines aus noch ganz anderen Stoffen bestehenden Heilkrautes heraus gelöst wurden.

Im allgemeinen kann man sagen, dass Medikation mit einer sogenannten schmalen therapeutischen Breite schlecht in Verbindung mit Phytotherapeutika wirken werden. Hierzu gehören insbesondere immunsuppressive Mittel, die nach Transplantationen genommen werden, aber auch Psychopharmaka, Antiepileptika, Krebsmittel oder HIV-Mittel. Kombiniert man diese Mittel mit Phytotherapeutika ist die Wirkung dieser Mittel nicht mehr kalkulierbar, die Wirkung kann sowohl zu stark als auch zu schwach sein.

Prof. Nilsen sagt: "wenn sie eine Organtransplantation hatten, dürfen sie Mittel wie Johanniskraut nicht einnehmen". einen Niere oder Leber Transplant hatten, müssen Sie weg vom Johanniskraut bleiben." Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Organabstossung. Johanniskraut ist eines der besten Beispiele für derartige unerwartete Wechselwirkungen und verschlimmernd kommt hinzu, dass diese Effekte noch Wochen nach dem Absetzen von Johanniskraut anhalten können.

Das das Problem nicht vernachlässigt werden darf, zeigt sich daran, dass ein erheblicher Teil der Patienten, die sich einer Operation unterziehen müssen, Phytotherapeutika einnehmen - teilweise ohne jeder therapeutische Begleitung bzw. Anleitung durch einen Arzt oder Heilpraktiker. So kann das verbreitete Baldrian unerwünschte verstärkende Wirkungen auf eine Narkose haben, oder Ginko-Präparate können die Blutungsneigung bei einer Operation erhöhen.

Fast die Hälfte aller norwegischen Krebspatienten nimmt Phytotherapeutika, und wenn es nur darum geht, ihr Immunsystem wider zu stärken oder in der Hoffnung auf eine verbesserte Lebensqualität. Niemand erklärt ihnen, dass diese Mittel unerwünschte Effekte haben können. Besonders verbreitet ist die Einnahme von Knoblauch und grünem Tee, aber auch der Noni-Saft st besonders populär.

Die norwegische Studie zeigt, dass z.B. grüner Tee tatsächlich einen wirkungsverstärkenden Effekt auf bestimmte Krebsmedikamente hat und damit gefährliche Nebenwirkungen provoziert werden können. Einige Krebspatienten schwören auf ein sehr teures japanisches Pilzprodukt aus Agaricus. Angesichts des hohen Preises sollten die Patenten schon wissen dürfen, welche Effekte die Einahme dieser Mittel bewirken kann. "In unseren Studien scheint Agaricus, den Effekt anderer Krebsmedikation zu erhöhen," sagt der an der Studie beteilgte Silje Engdal. "Es sorgt in hohem Grade dafür, dass Patienten einerseits hohe Beträge für diese Mittel bezahlen müssen und sich anderseits damit durchaus schaden.

"Wir wissen bereits, dass das Johanniskraut den Effekt einer Krebsmedikation verringern könnte, zumindest, dass es nicht, das den gewünschten Effekt bewirken wird" sagt Engedal sagt. "durch unsere Studie bekommen Ärzte und Patienten ein Handwerkszeug, mit Hilfe dessen sie gezielt Nebenwirkungen aus einer Kombination von Phytotherapie und Schulmedizin vermeiden können".

Die Finanzierung der Studie endet 2008, jedoch hofft Prof. Nilsen auf eine Verlängerung.

Zahlreiche phytotherapeutische Mittel kommen aus Asien, die Chinesen nutzen ihre Kräuter seit mehreren tausend Jahren und haben in dieser zeit ein etwas anderes Bewusstsein gegenüber ihren Mitteln und die möglichen Effekte einer kombinierten Gabe entwickelt. Sie sind sich möglicher Wirkungsverstärkungen oder Abschwächungen bewusst und passen die Dosierungen gezielt an. Eine der Konsequenzen ist, dass man gelernt hat, dass eine niedrigere Dosierung der Kräutermittel weniger Nebenwirkungen bei gleichem therapeutischen Effekt haben kann.