Ärztegehalt - mir kommen die Tränen

"Was ich verdiene, ist in Euro nicht auszudrücken." meinte der Herr Doktor und hatte nicht ganz unrecht. Oder doch...?

Ein paar Zahlen, wer in der ärztlichen Medizin was verdient - oder anders: Die Top Ten der niedergelassenen Kassenärzte:
  • Radiologen - 411.600 €
  • (fachärztliche) Internisten - 401.100 €
  • Augenärzte - 223.300 €
  • Orthopäden - 218.000 €
  • Urologen - 200.200 €
  • Chirurgen - 197.900 €
  • Frauenärzte - 190.700 €
  • Kinderärzte - 186.300 €
  • Hausärzte - 178.600 €
  • HNO-Ärzte - 176.300 €
Die Zahlen stammen aus der Webseite der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Grundlage des Vergleichs ist der Praxisüberschuss, also das was übrig bleibt, wenn Personal- und Praxiskosten und alle anderen Betriebskosten abgezogen werden. Nicht berücksichtigt wurden in dem Vergleich übrigens diverse Zusatzverdienste, die Ärzte erwirtschaften - nämlich die Verdienste aus Privatliquidationen und aus den so genannten IGEL-Leistungen, die unterschiedlich hohe Anteile an Einnahmen aus PKV-Honoraren, Selbstzahlerleistungen von Kassenpatienten darf man also gerne noch hinzu rechnen.

Richtig ist sicher, dass nicht jeder Kassenarzt ein durchschnittliches GKV-Honorar erhält - und schliesslich ist die durchschnittliche Temperatur ja auch nicht angenehm, wenn mein rechter Fuss in einem Eimer mit Eiswasser steckt und der linke in einem Eimer mit kochendem Wasser. Aber das ist ein anderes Problem und hat etwas mit solidarischer Verteilung von Reichtum zu tun und das ist ohnehin ein Problem, an dem die ganze Gesellschaft krankt.

Richtig ist sicher auch, dass ja das Betreibung einer Praxis, die Angestelltengehälter, die Investionenen etc. auch nicht Geld kosten und der Arzt seine im Schnitt allein aus GKV-Zahlungen erwirtschafteten 7000 € nicht einfach so auffuttern darf. Aber die Reinerlöse der Praxen ergeben sich aus den Zahlungen aus der GKV (also von den Kassenpatienten) plus Privathonorare plus IGEL-Leistungen minus Betriebskosten und liegen nach Angaben des statistischen Bundesamtes zwischen 209.000 € (Radiologe) und und 104.000 € (Allgemeinarzt) - vor Steuern, allerdings (Quelle: "Kostenstruktur bei Arzt-, Zahnarzt- und Tierarztpraxen", statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2006).

Irgendwie kommen mir bei solchen Zahlen dumme Gedanken...

Klar ist, ärztliche Medizin ist nicht nur Dienstleistung gegen Bezahlung, sondern Therapie ist auch Lebensaufgabe und Zuwendung den anderen Menschen gegenüber, die man nicht in Geldwerten ausdrücken kann. Würde man therapeutische Zuwendung bei der Betrachtung auf den bezahlbarem Anteil zusammen streichen, könnte man Ärzte auch als Therapie-Prostituierte bezeichnen - Menschen, die eine bestimmte Form der Zuwendung gegen Geld anbieten. Ärzte, die ihre Arbeit auf den Dienstleistungsanteil reduzieren, müssen sich diese Vorhaltung auch gefallen lassen.

Und trotzdem: Medizin ist halt tatsächlich auch Dienstleistung - und die muss eben bezahlt werden. Und da stellt sich die Frage, wann denn ein Preis, den jemand für eine Dienstleistung bezahlen muss, angemessen ist. Und da gehen die Meinungen, was die angemessene Bezahlung der Ärzte angeht, doch reichlich auseinander. DIE Ärzte gibt es übrigens gar nicht...

Erst einmal muss man auseinander halten, dass es Klinikärzte gibt, die also von irgendeinem Klinikbetrieb angestellt sind und dort von ihrem Arbeitgeber nach Gehaltstabelle entlohnt werden. Und dann gibt es da die Heerschar niedergelassener Doctores in eigener Praxis, die einen endlosen Kampf gegen Kassenärztliche Vereinigung und Krankenkasse führen.

Den Klinikärzten geht's vergleichsweise gut: Sie werden monatlich per Gehaltsüberweisung bezahlt, die Höhe der Bezahlung bestimmt ein Tarifvertrag und das Gehalt ist bei allem ärztlichem Geschrei nicht so sehr schlecht. Dass Ärzte teilweise für dieses Geld weit mehr als 40 Stunden arbeiten müssen ist ein hausgemachtes Problem und hat etwas damit zu tun, dass Ärzte es nicht schaffen, solidarisch zu sein. Solidarität war noch nie besonders gross geschrieben unter Ärztens, man ist ja schliesslich Akademiker und kein schnöder Arbeiter, der vielleicht auch noch gewerkschaftlich organisiert ist. Und der nicht allzu alte Marburger Bund (der sich als Ärztegewerksschaft verkaufen will) reduziert Solidarität auch bloss auf die Bezahlstrukturen und vergisst es, die eigentlich wichtigen Fragen zu stellen.

Den niedergelassenen Ärzten geht's hingegen vergleichsweise ebenfalls gut - oder auch nicht: Arzt ist eben nicht Arzt und Praxis nicht gleich Praxis. Will sagen: es kommt darauf an. Da gibt es Ärzte, die haben eine übervolle Hausarztpraxis, irgendwo im Osten und haben einen Einzugsbereich von vielleicht 30 km, wo sie auch noch Hausbesuche machen müssen. Da gibt es aber auch Ärzte in einer Stadt wie Heidelberg, wo eine Heerschar an niedergelassenen Ärzten gegeneinander antritt. Da gibt es hoch spezialisierte Praxen mit einem riesigen infrastrukturellen Aufwand und da gibt es Praxen, die eine ganz andere Art der Medizin anbieten und mit einer eher rudimentären Praxisausstattung zurecht kommen. Und und und...

Nun müsste man meinen, das Problem regelt der Markt - immerhin leben wir im Kannibalismus (sorry, ich meinte Kapitalismus), aber die Marktgesetze kann man im Medizinbetrieb schlicht vergessen:

Erstens haben wir ein ein Gesundheitssystem, dass auf eine geradezu genial verkorkste Weise versucht, freie Marktwirtschaft mit staatlichem Dirigismus zu vereinen - heraus kommt ein völlig unbeweglicher Moloch, aus dem allen voran die Lobbyisten der Pharmaindustrie vorgeben, was wie zu laufen hat und aus dem der Mächtigste die meisten Gelder für sich heraus holen wird.

Und zweitens haben wir eine Kassenärztliche Vereinigung, die einst gegründet wurde, um die Bezahlung der Ärzte auf ein gerechtes Fundament zu stellen und die heute einen Hemmschuh darstellt, der sich jeder Veränderung am System entgegen wirft. Und noch dazu sorgt die Erstattungpraxis der KV dafür, dass Frau Doktor noch nicht einmal dann sicher sein kann, was sie mit der Arbeit des vorletzten Vierteljahres erwirtschaftet hat, selbst wenn sie das Geld bereits auf dem Konto hat - stell dir vor, ich beauftrage einen Handwerker und wenn's um die Bezahlung geht, sage ich ihm "was du für die Waschmaschinenreparatur bekommst, sage ich dir erst in zwei Monaten. Ich will erst mal schauen, wie sich die Dinge so entwickeln"...

Und drittens ist das öffentliche Gesundheitswesen kein Markt. Auch wenn Ulla Schmitt vom "Patienten als Kunden" faselt, ist der Patient kein Kunde und wird es auch nie werden. Patienten haben ein gesundheitliches Problem, bei dem sie nur sehr begrenzt entscheiden können, ob sie es behandelt haben wollen oder nicht. Sie können es nicht entscheiden, weil sie nicht über medizinische Fachkompetenz verfügen und vor Allem können sie nicht frei entscheiden, ob man eine gesundheitliche Beschwerde überhaupt medizinisch behandeln muss. Ob ich eine defekte Zylinderkopfdichtung behandeln lassen soll, kann ich selbst frei entscheiden - ich kann auch Fahrrad fahren zu Fuss gehen (obwohl das in unserer autozentrierten Gesellschaft schon fast an Blasphemie grenzt). Aber wenn ich Blut im Stuhl habe oder wenn ich mir dem Oberschenkelhals gebrochen habe, muss ich zum Arzt gehen - es sei denn ich entscheide mich "frei" dazu, gleich den örtlichen Bestatter zu aufzusuchen.

Conclusio: Es gibt keinen freien Markt in der Medizin - und es darf ihn auch nicht geben

Das Problem liegt auch nicht in der Bezahlung der Ärzte und ich kann das Geschwätz über die angeblich schlechte Bezahlung der Ärzte nicht mehr hören. Klar, es gibt sicher einen Haufen Hungerleider auch unter den Ärzten, aber die Zahl der schlecht bezahlten Arbeitnehmer (und auch der schlecht bezahlten Freiberufler) sieht in anderen Berufsgruppen weit dramatischer aus. Da klagen Ärzte über schlechte Einkommen und drohen mit der Auswanderung nach England oder sonstwohin - was glauben denn die akademisch benebelten Damen und Herren, von welchem Gehalt eine Krankenschwester lebt? Oder die Küchenhilfe aus der Klinikküche? In meiner Ex-Klinik sind gerade die Gehälter des niederen Fussvolks (Küchenfrau bis Krankenschwester) um 20% gekürzt worden, die Ärzte- und Dozentengehälter liess man unangetastet. Und was die ambulante Pflege angeht, diskutiert man bereits um die Einführung von Mindestlöhnen und es gibt Klinikketten, die zahlen einer voll ausgebildeten Krankenschwester (oh, es heisst ja heute "Gesundheitspflegerin") gerade mal € 9,50 pro Stunde - brutto, selbstverständlich...

Das Problem liegt am System - aber so lange wir nur wie das Kaninchen auf den bösen Fuchs nach der vermeintlich unangemessenen Bezahlung starren, werden wir nichts an diesem kranken Gesundheitssystem ändern. Wir müssen alle zusammen etwas an dieser Misere ändern: Klinikärzte zusammen mit niedergelassenen Ärzten, zusammen mit Krankenschwestern, mit dem Handwerker.

Und mit den Patienten!