zu wenig Ärzte in Deutschland!?

Da wird ja immer vom Ärztemangel in Deutschland gesprochen. Es fehle allerorten an Ärzten, weil in Deutschland die Arbeitsbedingungen für Ärzte so besch*** seien, dass sie scharenweise davon laufen würden. Die aufstrebenden Jungärzte könnten mit dem kläglichen Gehalt, dass sie nach ellenlangem Studium erwarten würde, kaum sich selbst und geschweige denn eine ganze Familie ernähren. Deshalb würde sie scharenweise nach Norwegen, England oder sonstwohin gehen, wo man sie mit offenen Armen auf sie warten würde (lt. Ärzteblatt arbeiten derzeit rund 20.000 Ärzte im Ausland)

Und hier würde man demnächst keinen Arzt mehr weit und breit finden. Wir haben also zu wenig Ärzte in Deutschland!


Stimmt das eigentlich oder ist das ein Märchen, das der Selbstvermarktung der Ärzteschaft entspricht? Sicher mag Heidelberg eine Sonderrolle spielen, so wie vielleicht auch Freiburg oder Tübingen, wo sich die Ärzteschaft gegenseitig auf die Füsse trampelt, weil es so viele davon gibt - aber irgendwie mag ich das nicht recht glauben, dass es in Rest-Deutschland kaum noch Ärzte gibt.

Schauen wir uns die Zahlen der Bundesärztekammer einmal an, sieht man was ganz Anderes, denn es hat nicht nur eine starke Zunahme der "Mediziner", d. h. der Ärzte insgesamt stattgefunden, sondern auch eine sehr starke Zunahme der in der direkten Patientenversorgung tätigen Ärzte, nämlich von Ende 1990 auf Ende 2006 um 35 Prozent. Und das, obwohl die Ärtzeschaft laut Mediendarstellung zielstrebig der hoffnungslosen Überalterung entgegen geht.

Die Bundesärztekammer stellt fest:

1990 gab es bei den Kammern registrierte Ärzte insgesamt: 289 000 (darunter auch pensionierte Ärzte, Ärzte in Kindereerziehungspause, etc.). Von diesen insgesamt registrierten 289 000 Ärzten waren 238 000 berufstätige Ärzte und 51 000 Ärzte ohne (ärztliche) Tätigkeit.

Von diesen 238 000 berufstätigen Ärzten wiederum waren...
  • 92 000 in der ambulantenPatienversorgung tätig
  • 118 000 in der stationären Patientenversorgung tätig
  • 27 000 in anderen Bereichen (Behörden, Körperschaften)

2006 sehen die Zahlen ganz anders aus: Registrierte Ärzte insgesamt haben wir 407 000

Von diesen 407 000 Ärzten waren ...
  • 311 000 berufstätige Ärzte
  • 96 000 ohne (ärztliche) Tätigkeit

Von diesen 311 000 berufstätigen Ärzten wiederum waren...
  • 136 000 in der ambulanten Patienversorgung tätig
  • 148 000 in der stationären Patientenversorgung tätig
  • 27 000 in anderen Bereichen tätig (z. B. bei Behörden, Körperschaften)

Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil: Die Zahl der erfassten Ärzte insgesamt hat innerhalb von 16 Jahren um 41% zugenommen (insgesamt). Die Steigerungsraten im Einzelnen:
  • Zunahme der in der direkten Patientenversorgung (ambulant plus stationär) tätigen Ärzte um 35 %
  • Zunahme der in der stationären Patientenversorgung tätigen Ärzte von 118 000 um 25 %
  • Zunahme der in der ambulanten Patientenversorgung tätigen Ärzte von 92 000 um 46 %

Was tatsächlich richtig ist, ist dies: Wir haben ein Verteilungsproblem. Während es in einigen Landstrichen reichlich Ärzte gibt, sind andere Landstriche (und das nicht nur im wilden Osten) regelrecht verwaist. Also ein hausgemachtes Problem und die lieben Ärzte, die darüber klagen, dass sie in Freiburg, Heidelberg oder Tübingen partout keine Stelle bekommen, müssen sich fragen lassen, warum sie dann nicht eben nach Gross-Kiesow oder nach Finsterwalde gehen. Sorry, aber da habe ich kein Verständnis für diese Jammerei.

Das Verteilungsproblem haben wir ja auch anderen Ebenen - beispielweise sind wir eines der reichsten Länder der Erde, doch wir haben in Deutschland mittlwerweile europaweit die meisten Armutsfälle (nicht unter den Ärzten. Sondern ganz allgemein...). Womit wir bei den Grundgesetzen des Kapitalismus wären. Und damit bei dem Gesetz von Angebot und Nachfrage:

Wenn ich Geld verdienen will, habe ich diese Möglichkeiten:
  • die Nachfrage erhöhen (geht in der Medizin nicht, ich kann schliesslich nicht die ganze Bevölkerung offen und bewusst krank machen, auf dass ich ihr anschliessend für teuer Geld die Ware Medizin verkaufen kann)
  • das Angebot verknappen (da sind wir ja fleissig dabei mit unserer politisch gewollten Verknappung der Dienstleistung Arzt - klappt aber auch irgendwie nicht, denn aus eigener Tasche bezahlen können diese Dienstleistung einmal nur nur die Wenigsten - und ausserdem gibt es diese Verknappung in der Realität ja nicht, weil es zu wenig Ärzte gibt, sondern weil der Zugang zur "Dienstleistung Arzt" gar nicht politisch gewollt rationiert wird)

Bleibt noch ne andere Möglichkeit: Wir tun so, als herrsche bei der Dienstleistung Arzt ein eklatanter Mangel. Wenn wir das nur lange genug durch die Medienmühlen drehen, glaubt es schliesslich auch der Letzte und schliesslich rufen selbst die Patienten (Ulla Schmidt nennt sie allzu gerne "Kunden"...) nach einer besseren Bezahlung für unsere darbenden Ärzte - auf dass der Ärzteberuf endlich wieder attraktiver werde, die Arbeitsbedingungen besser, die Honorare höher...

Klappern gehört halt zum Handwerk...

Dass die Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern mehr als übel sind, ist schon klar - aber liebe Ärzte, das habt ihr auch über Jahre hinweg selbst eingebrockt mit eurer devoten Unterwürfigkeit unter die Chefarzt-Oberarzt-Stationsarsch-Hierarchie. Aber Solidarität ist bei euch ja immer mehr als klein geschrieben worden - schliesslich will man ja selbst irgendwann einmal Chefarzt werden...

...aber das mit dem Ärztemangel ist ja wohl ein Ammenmärchen. Ich weiss, die Wahrheit ist immer viel differenzierter, aber wir haben definitiv keinen Ärztemangel, sondern ein strukturelles Problem.

Und das mit den Honoraren hatten ich ja kürzlich schon gebloggt. (Übrigens: 48% der Teilnehmer einer Umfrage in der Bevölkerung waren doch allen Ernstes der Meinung, Ärzte würden schlecht bezahlt - und dass wo die meisten dieser Befragten sicher weit weniger in der Tasche haben. Ein Durchschnittsarzt verdient laut einer ARD-Erhebung netto drei Mal so viel wie ein Durchschnittsbürger. Die Befragten sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie es sind, denen nachher dafür in die Tasche gegriffen wird...)