Dummheit tut nicht nur weh...

..sie tötet auch! Und im Zweifel die Patienten von Heilpraktikern.

Da geht eine Patientin aus der Region zu einem Heilpraktiker, weil sie einen Knoten in der Brust hat (soweit zur gehörigen Portion Dummheit auf Patientenseite). Der Heilpraktiker macht eine bioelektrischen Funktionsdiagnose (was auch immer das sein mag) und kommt zu dem Schluss, dass es sich um einen gutartigen Knoten handelt.


Den Knoten interessiert das nicht weiter, er wächst. Er wächst so sehr, dass er schliesslich auf 24 cm Durchmesser anwächst und die Brust ist mittlerweile aufgebrochen (wie sehr so etwas stinken kann, weiss jeder, der das mal selbst gesehen hat). Die Frau magert inzwischen deutlich ab, doch noch immer beharrt der Heilpraktiker auf seiner Meinung, das Ding sei gutartig. Nach Jahren erst geht die Frau zum Arzt, der „gutartige“ Knoten war natürlich Krebs und natürlich hat er bereits deutlich metastasiert.

Sicher - es gibt unterschiedliche Einschätzungen darüber, wie weit Medizin gehen darf und welche Wege sie bestreiten soll. man kann sicher darüber streiten, ob eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung tatsächlich der Goldstandard der Krebstherapie ist. Aber bei aller Diskussion muss man zumindest imstande sein, selbst zu erkennen, wo die Grenzen der eigenen diagnostischen Möglichkeiten liegen.

Man mag sicher eine Geschwulst mit irgendeinem Voodoo-Gerät a la EAV diagnostizieren wollen, aber man darf in keinem Fall aus den gewonnenen Erkenntnissen den Schluss ziehen, eine Geschwulst sei gut- oder bösartig. Denn so eine Entscheidung hat Folgen für das weitere Vorgehen und die waren im Falle der an Brustkrebs erkrankten Frau fatal.

Sicher, solche Fehleinschätzungen sind auch bei Ärzten zu finden und das ganze schulmedizinische System ist nicht unbedingt darauf angelegt, solche Fehler zu vermeiden - aber gerade Heilpraktiker haben eigentlich eine besondere Sorgfaltspflicht. Und ausserdem bin ich selber Heilpraktiker und deshalb verenge ich meinen Blick doch lieber auf die eigene Zunft:

In der Öffentlichkeit wissen die Wenigsten, dass ein Heilpraktiker über weit mehr Behandlungsspielraum verfügt wie ein Arzt. Während Ärzte eine standardiserte mehrjährige universitäre Ausbildung durchlaufen müssen, während Ärzte umfassende Fortbildungsrichtlinien erfüllen müssen, bevor sie ihr Wissen im Einzelfall am Patienten „ausprobieren“ dürfen, während Ärzte sehr engen standesrechtlichen Vorschriften unterworfen sind, ist bei Heilpraktikern diesbezüglich eher Ebbe.

Ein Heilpraktiker macht eine Art Ausbildung (oder auch nicht), macht dann eine Prüfung, in der er glaubhaft versichern muss, dass er keine Gefahr für die „Volksgesundheit“ (dieser nazimässig erscheinende Begriff steht tatsächlich so im Gesetz) darstellt und schon darf er los legen.

Ein Arzt muss seine Kompetenz mehrfach unter Beweis stellen, bevor er eine bestimmte Therapiemethode oder ein bestimmtes diagnostisches Verfahren anwenden darf - wobei damit noch nicht wirklich gesagt ist, dass er seine Sache dann auch gut macht oder ob die betreffende Therapiemethode überhaupt Sinn macht.

Ein Heilpraktiker macht eine Prüfung vor dem Gesundheitsamt und dann darf er loslegen. Er darf Bach-Blüten verordnen, spezielle Massagen an den Patienten bringen, darf Homöopathie anbieten oder sonst irgendwas. Die Therapien will ich gar nicht in Zweifel ziehen, ich arbeite selbst damit und das ist auch gut so. Der Heilpraktiker darf -im Gegensatz zum Arzt und rein theoretisch- aber auch Gallenblasen-Operationen am heimischen Küchentisch vornehmen; und schlimmstenfalls darf er den Patienten im Kohlenkeller cerebrektomieren (zu deutsch: Er darf im das Gehirn entfernen).

Ein zugelassener Heilpraktiker darf nach bestandener Prüfung schlicht Alles, Hauptsache er gefährdet die Volksgesundheit nicht - was auch immer das sein mag. Kleine Ausnahme: Er darf bestimmte Infektionskrankheiten nicht behandeln, er darf nicht röntgen und er darf den Frauen nicht an die Wäsche gehen. Überprüfen tut seine Qualifikationen aber letztlich keiner...

Soweit die Theorie, von der im Einzelfall durchaus eine reale Gefahr ausgehen kann - wie durch den Brustkrebsfall wieder einmal unrühmlich bewiesen wurde. In der Realität gibt es natürlich eine grosse Zahl kompetent arbeitender Heilpraktiker, die ihre Methode gewissenhaft beherrschen und ausüben und die -das halte ich fast für noch wichtiger- wissen, wo ihre Grenzen sind. Die wissen, dass man eine Frau mit einem Knoten in der Brust erst einmal zum Gynäkologen zur Abklärung schicken muss.

Siehe auch hier...