Homöopathie auf dem Weg abwärts?

Wenn ich mir so ansehe, was im naturheilkundlichen Zirkus so abgeht, kommen mir des öfteren ernsthafte Zweifel, ob man das Marktgeschrei noch mitmachen darf. Jahrelang führte Naturheilkunde ein Mauerblümchendasein, doch seit etwa 10 bis 15 Jahren erleben wir einen wirtschaftlichen Boom.

War naturheilkundlichen Wissen dereinst Alltagswissen, das jede Grossmutter aus dem FF beherrschte, wurde sie im Zuge schulmedizinischer Erfolge immer mehr ins Abseits gedrängt - in der Wirtschaftwunderzeit der 60er und noch der ersten Hälfte der 70er führte sie ein Dasein am Rande und allenfalls hartgesottenes Volk fand sich beim Heilpraktiker ein. Naturheilkundliche Ärzte gab es zu dieser Zeit ohnehin noch nicht - jedenfalls nicht das Kaliber, was wir heutzutage oft vorfinden und wo Naturheilkunde trotz aller ärztlichen Fortbildungsreguliererei in einer nicht unerheblichen Quote lediglich dazu dient, die Lücken des schulmedizinischen Praxis-Potpurris zu stopfen. Motto „Der Markt gibt es halt her...“


Die Homöopathie hatte ihren Niedergang bereits nach dem ersten Weltkrieg und bis zum zweiten Weltkrieg waren Ärzte, die Homöopathie betrieben, nahezu Aussenseiter. Ein paar gab es noch, auch im Dritten Reich kam es zu einem ideologisch bedingten kurzen Zwischenhoch, aber wirklich Fuss fassen als ernst zu nehmende Therapiealternative konnte die Homöopathie erst einmal nicht mehr. Lediglich die Heilpraktiker, die klassisch homöopathisch arbeiteten, übten diese Methode konsequent weiter aus und dieser oft geschmähten Heilpraktikerschaft verdankt die Homöopathie in Deutschland ihr Überleben in die Post-Nachkriegszeit (von einer halben Handvoll Ärztekollegen mal abgesehen)

Erst die 68er-Bewegung und die daraus geborene „grüne Bewegung“ machte eine Rückbesinnung auf altes naturheilkundliches und damit auch homöopathisches Wissen möglich. Doch die Erfahrungen des Wirtschaftswunderlandes hatten ein anderes Denken in der Therapeutenwelt erzeugt: Nahmen vorher noch hehre Gedanken an „Berufung“ noch einen gewissen Raum bei der Berufswahl der Ärzte ein, regierte ab spätestens Mitte der 70er zunehmend der Mammon. Praxen mussten nun vor Allem mal dem wirtschaftlichen Erfolg dienen - und vielleicht auch der Finanzierung der Segeljacht oder der Zusatzfreundin, wer weiss.

Klar, Arztpraxen (und nicht nur die) mussten schon immer wirtschaftlich erfolgreich arbeiten, sonst hätten sie nie überleben können. Aber früher war die Schwerpunktsetzung eine Andere - es war Berufung, Arzt zu werden; Arzt wurde man aus Überzeugung (meistens jedenfalls). Heute haben wir aber ganz offensichtlich eine nicht zu übersehene Zahl von Ärzte, die wie auch Heilpraktikerkollegen naturheilkundliche Therapiemethoden als Marktnische entdeckt haben. Man bietet eine Art Schmalspurhomöopathie innerhalb eines ganzen Blumenstrausses von Methoden an und ist damit wirtschaftlich erfolgreich. Das das mit „klassischer Homöopathie“ oft nicht mehr viel zu tun hat, weiss der Kunde meistens gar nicht. Das geht nicht nur auf Seiten der Homöopathie so, das betrifft auch andere Therapiemethoden. Ich kenne Akupunkteure, von denen ich mal behaupten mag, die stechen ihre Nadeln nach dem Zufallsprinzip - Motto: „Der Placebo-Effekt wird’s schon richten“. Wirkliches Wissen um ihre Methode haben sie nicht mehr - Hauptsache, der Patient merkt nichts davon und das Honorar ist pünktlich auf dem Konto. Klar, das ist alles ein wenig überzeichnet, aber ein gewisser ethischer Verfall ist durchaus nicht von der Hand zu weisen.

Ärzte wie auch Heilpraktiker führen ihre Praxen oft genug nach dem „Cafeteria-Prinzip“ („ein bisschen hiervor und ein bisschen davon“ ). Und wenn man weder Homöopathie noch Akupunktur anbieten mag oder kann, erfindet man halt irgendeine völlig neue Therapiemethode, benennt sie mit einem zündenden Namen („Effizienzhomöopathie“, „tiefenpsychologische Fussreflexzonenmassage“, meinetwegen auch „Knalleffekt-Yoga“ oder sonst irgendwie). Nie zuvor in der Medizingeschichte wurden innerhalb von maximal drei Dekaden derart viele Therapiemethoden erdacht. Und ich habe den Verdacht, dass das weniger an der therapeutischen Kreativität der Erfinder liegt, sondern eher an deren Spürsinn für die Gesetze des immer heisser umkämpften Gesundheitsmarktes.

Es ist ein unübersehbarer Widerspruch: Einerseits boomt der Naturheilkunde- und auch der Homöopathiemarkt, anderseits werden die Methoden qualitativ zunehmend flacher in der Praxis umgesetzt. Für die Homöopathie ist das besonders bedauerlich, da deren hochkomplexes Therapiesystem in deutlichem Widerspruch steht zu qualitativer Vernebelung. Homöopathie funktioniert dauerhaft nur auf einem hohen Qualitätsniveau, ansonsten verwässert sie und am Ende haben wir eine Art Wellness-Homöopathie, bei jede Kosmetikerin, jede Friseuse und jede Drogeriemarktkassiererin ihre homöopathischen Kenntnisse unter die Welt bringen kann.

Soweit ein paar Einwürfe zum Niedergang der professionalisierten Homöopathie und der Naturheilkunde an sich...

...der andere Part des Niederganges findet in der Laienhomöopathie statt: Nie zuvor waren die Bücherregale bei Horten, Kaufhof & Co. derart voll mit einer Unzahl homöopathischer Ratgeber. Der Laie hält das Angebotene für homöopathisches Wissen und fängt an zu verwechseln, was ernsthafte Therapie ist und was eine Form globulibasierter Wellness ist. Der Laie vergisst angesichts der Ratgeberflut völlig, dass es bei der Homöopathie um eine ernst zu nehmende Therapiemethode geht und nicht um ein paar Belladonna-Kügelchen, die Mutti ihrem fiebernden Gör gibt. Nichts gegen Belladonna-Globuli, aber der Unterschied zwischen Pflege eines erkrankten Familienangehörigen und „richtiger“ Therapie ist gewaltig.

Aber da sich Ratgeberbücher ungemein gut verkaufen, wird suggeriert, dass die Homöopathie ein Bereich ist, den Hinz und Kunz beherrschen kann und dass man mit Homöopathie schlichtweg gar nichts falsch machen kann. Kein Mensch würde auf die Idee kommen Ratgeber für die Hobbychirurgie am heimischen Küchentisch anzubieten (obwohl, das wäre angesichts des gesundheitspolitischen Desasters keine schlechte Idee). Dabei braucht es für Hobbychirurgie „nur“ ein paar anatomische und pathophysiologische Kenntnisse und ein wenig handwerkliches Geschick - gepaart mit einer gehörigen Portion Mut kriegt man die Gallenblase auch im Do-it-Yourself-Verfahren raus.

Homöopathie ist ein ungleich komplexeres Therapiegebäude, noch dazu unterscheidet sie sich erheblich vom üblichen schulmedizinischen Denken. Trotzdem ist sie eine erfolgreiche Therapiemethode und das liegt nicht nur am Placebo-Effekt, der ihr von schulmedizinischer Seite gern vorgehalten wird. Als Therapiemethode kann Homöopathie aber nur so lange erfolgreich sein, wie man sie als solche ernst nehmen kann. Wenn Homöopathie jedoch zu einer Spielwiese für Eltern wird, die es gut mit ihrer Familie meinen, für die diversen Muttis, die ihre Kinder globulibasiert aufziehen wollen, dann sehe ich schwarz. Dann verliert eine einstige Therapie ihre Ernsthaftigkeit und wird verquastes Hobbywissen, das nicht mehr den Anspruch anmelden darf je als wissenschaftlich zu gelten. Und damit hat es die Homöopathie ohnehin schwer genug...