Unterdrückung und ihre Behandlung

Unterdrückung“ ist ein ganz wesentlicher Begriff in der Homöopathiepraxis. Er ist eine Art Grenzlinie zwischen dem, was die etablierte „Schulmedizin“ oft anbietet und dem, was für die Homöopathie Anspruch ist:

Schulmedizin arbeitet oft nach dem Prinzip, Beschwerden zum Verschwinden zu bringen und damit sei die Krankheit geheilt. Das hat im Einzelfall auch seine Berechtigung, aber die Homöopathie versteht unter „Krankheit“ etwas Anderes: Für die Homöopathie ist eine Krankheit nicht eine Verschiebung labortechnischer Werte oder eine funktionelle Einschränkung von diesem oder jenem, sondern Krankheit hat ein Wesen, eine eigene Individualität, mit dem es die gesundheitliche Balance aus dem Gleichgewicht bringt. Symptome und Beschwerden sind dann erst die Folge der Krankheit und nicht die Krankheit im eigentlichen Sinne. Symptome sind quasi die Sprache mit der die Krankheit kommuniziert.


Bringe ich die Symptome zum verschwinden, ist das sicher sehr wohltuend für den Patienten, aber ich heile die Krankheit nicht. Ich muss idealerweise also direkt an der Krankheit ansetzen, diese auskurieren und damit werden dann auch die Symptome verschwinden - im Modell zumindest (in der Realität funktioniert das nicht immer so glatt).

Die Schulmedizin sieht die „Wesenhaftigkeit“ der Krankheit nicht, für sie sind das alles irgendwelche mess- und wägbaren Veränderungen, die es mit den Methoden der „wissenschaftlichen“ Schulmedizin zu behandeln gilt. Das Wesen der Krankheit lässt sich aber nicht messen, es lässt sich genauso wenig messen wie die menschliche Seele - allenfalls kann man es beschreiben. Also hält man sich an das messbare und wenn das im verlaufe einer Therapie wieder in Richtung Normwert geht, sieht man die Krankheit als erfolgreich behandelt an.

Da man aber nur das oberflächig Messbare behandelt hat und nicht das „Krankheitswesen“, hat man „nur“ die Symptome weg genommen. Man hat der Krankheit also die Sprache genommen und weil sie nun stumm ist, glaubt man, die Krankheit sei nun tot.

Ist sie aber nicht: Wie ein trotziges Kind, dem man den Mund verboten hat, wird sie sich auf den Weg machen und neue Wege der Kommunikation suchen. Ein böses Kind, das man bestraft hat und das nun deswegen ruhig geworden ist, wird weiterhin böse sein - es wird sich eben andere Wege suchen, seine Boshaftigkeit auszuleben. Folge auf der therapeutischen Ebene: Ich behandele „erfolgreich“ einen Hautausschlag zum Beispiel mit den üblichen Cortisonsalben, doch nach zwei Jahren hat der „geheilte“ Patient plötzlich Asthma. Er macht eine Mutation vom Hautarztpatienten zum Lungenarztpatienten und damit geht oft der Zusammenhang verloren, der hinter den damit verbundenen Symptomkomplexen steht.

Der Zusammenhang heisst in den Worten der Homöopathie „Unterdrückung“.

Nicht dass ich was gegen Cortisonsalben hätte - es gibt genug Situationen, wo ich unterdrückende Therapie für den aktuell sinnvollen Weg halte. Aber mir geht es hier um das Modell. Und das Modell von Krankheit und Heilung ist in der Homöopathie ein deutlich Anderes. Jedoch, unterdrückende Therapien sind Alltag - egal ob berechtigt oder unberechtigt (übrigens sind auch klassisch-naturheilkundlich begründete Therapien auf breiter Front „unterdrückend“ ). Symptome zu unterdrücken passt in unsere Zeit - es ist der schnellste Weg, Menschen wieder funktionsfähig zu machen. Funktionsfähigkeit bedeutet aber noch lange nicht Gesundheit.

Was macht man als Homöopath vor dem Hintergrund eines Therapiealltags, der weitgehend auf Unterdrückung basiert?

In der Homöopathie will man das Wesen der Krankheit erreichen, dazu muss man es erst einmal erfassen. Man muss die Geschichte der Krankheit erfassen um daraus das Krankheitswesen heraus zu schälen und man muss wissen, welche unterdrückenden Therapien ein Patient bereits hinter sich gebracht hat. Und sie haben alle, fast ausnahmslos eine ganze Reihe unterdrückender Therapien hinter sich bis sie endlich beim Homöopathen landen. Alle diese Unterdrückung mögen mal kurzfristig, manchmal auch längerfristig geholfen haben, aber sie haben das ganze Krankheitsbild verschoben, denn die Krankheit musste sich andere Wege suchen Symptome zu produzieren - man spricht dann von „Symtomverschiebung“.

Und mit jeder Symptomverschiebung wird es schwieriger zu erfassen, wie die Krankheit im Innern, wie das Krankheitswesen eigentlich aussieht. Der Homöopath steht vor einer Mauer, vor einer dicken Nebelwand.

Gelingt es dem Homöopathen durch die Nebelwand hindurch zu schauen und ein passendes homöopathisches Mittel zu finden, wird u.U. Folgendes passieren: Die alten Symptome, die man doch so erfolgreich behandelt glaubte, sie aber nur unterdrückt hatte, kehren wieder zurück. Muss nicht, aber kann. Oder anders: Sie kehren in jedem Fall zurück, allerdings oft in einer Form, dass wir sie gar nicht wirklich als wieder zurück gekommene Symptome wahr nehmen.

Die Krankheit findet so Schritt für Schritt zu ihrer eigentlichen Sprache zurück und so kann sie Symptom für Symptom ausgeheilt werden indem dem Organismus erlaubt wird, sich mit dieser Krankheitssprache auseinander zu setzen. Stören wir diesen Prozess, weil wir die auftauchenden Symptome wieder unterdrücken, machen wir das Falsche - wobei ich gerne zugebe, dass es ohne Unterdrückung mitunter gar nicht geht.

Homöopathie packt den Krankheitsprozess an der Wurzel. Und deshalb braucht es mitunter auch eine gehörige Portion Geduld und Ausdauer, bis wir ans Ziel gelangen. Aber die Belohnung für einen mitunter doch schweren Heilungsprozess ist die Freiheit von weiteren Medikamenteneinnahmen und im Idealfall die dauerhafte Wiederherstellung der verloren geglaubten Gesundheit.

Apropos Nebelwand und Homöopathie: Wie man sich denken kann, braucht es ein gerüttelt Mass an Handwerkszeug um eine Nebelwand sicher zu durchschreiten - ansonsten kommt man irgendwo, aber nicht am Ziel an. Im schlimmsten Fall verirrt man sich so, dass man am Ende kränker wie zuvor ist. Sicher kann man in dem einen oder anderen akuten Fall mal mit der Hilfe der Homöopathie eingreifen, aber für eine „richtige“ Therapie braucht es ein gehöriges Mass an Sachwissen.

Fehlt dieses Sachwissen, kann man auch mit homöopathischen Mitteln wunderbar unterdrücken und das ist dann nicht besser wie jeder Schulmediziner mit seinem Pharmawunderland. Und wenn man schon „nur“ unterdrücken will, dann greift man lieber gleich auf Cortison & Co zurück und lässt die Homöopathie dort wo sie hingehört: Bei den Leuten, die etwas davon verstehen...