40.000 müssen sterben!
veröffentlicht am: Montag, den 24. August
...aber um die macht man sich Gedanken über Gedanken, wirft der Pharmaindustrie einen Berg Geld in den Rachen (unserer Geld...). Dabei spielen sich in den deutschen Kliniken alltäglich Dramen ab - unbemerkte Dramen, denn hier wird ganz, ganz leise getötet, verletzt, krank gemacht.
Jährlich sterben rund 40.000 Menschen in deutschen Kliniken, weil der Dreck zum Himmel stinkt. Und das in einem Land, das als extrem sauber verschrien ist, immerhin gibt es in Schwaben ja die Kehrwoche und Autos werden samstags traditionell gewaschen.
Nicht so in deutschen Kliniken - da reicht es mitunter noch nicht mal zum Händewaschen im richtigen Moment. Putzdienste sind outgesourct und die armen Schweine werden nach geputzten Quadratmetern bezahlt und nicht nach Qualität. Da bleibt halt so manche Keimpopulation unentdeckt. Und die Antiobiotika, die es dann richten sollen, sind auch nicht mehr das, was sie mal waren - reihenweise resistente Keime. Die Folgen beschreibt eine
Doku in der ARD, die heute Abend um 21:00 Uhr laufen soll.
Aus der Beschreibung: „Deutsche Ärzte gehen nicht gern ins Krankenhaus, und sie wissen auch, warum. Jedes Jahr infizieren sich in deutschen Kliniken bis zu 1,5 Millionen Patienten mit Bakterien. Bis zu 40.000 Menschen sterben daran - Jahr für Jahr. Das sind weit mehr als hierzulande dem Straßenverkehr zum Opfer fallen, mehr als an AIDS oder jeder anderen meldepflichtigen Infektionskrankheit sterben. Patienten aus Deutschland gelten in Nachbarstaaten als "Hochrisiko-Patienten". In niederländischen Kliniken kommt jeder, der kurz zuvor in einer deutschen Klinik behandelt worden ist, sofort in Quarantäne. Um zu überprüfen, ob er gefährliche Keime einschleppt. Der Film begleitet zwei Patienten auf ihrem Weg durch die Krankenhäuser. Beide haben sich ausgerechnet dort gefährliche Infektionen zugezogen, wo sie gesund werden wollten. Eine Patientin hat nach einer Knieverletzung bis heute 39 Operationen über sich ergehen lassen müssen. Jetzt fürchtet sie um ihr Bein. Der andere Patient verstarb nach einer Operation, weil gegen seine Infektion mit resistenten Keimen kein Antibiotikum mehr half. Die Autorin geht den Ursachen der hygienischen Katastrophe nach: Verantwortungsloser Umgang mit Antibiotika, Schlendrian in Kliniken, Vertuschung, Ignoranz und der fehlende politische Wille auf Bundes- und Länderebene, die desaströsen Zuständen zu ändern. Obwohl in Nachbar-Staaten wie den Niederlanden und Dänemark seit Jahrzehnten praktiziert wird, dass und wie man die Problematik bekämpfen kann, passiert in Deutschland nicht viel mehr als die Verantwortung hin- und herzuschieben. Die dringend notwendige Aufklärung der Patienten über die Gefahren durch Krankenhausinfektionen bleibt aus. Wer wissen will, welche Kliniken in Deutschland die größten Probleme mit der Hygiene haben, beißt auf Granit. Für Patienten heißt das: Sie müssen sich in Krankenhäusern behandeln lassen, ohne vorher zu erfahren, wie hoch dort das Infektionsrisiko ist. Der Film zeigt auch, dass sich gegen die katastrophalen hygienischen Zustände an deutschen Kliniken durchaus etwas unternehmen ließe. Als Vorbild gelten die Unikliniken Münster, die nach schweren Fällen von Infektionen ein beispielhaftes Programm ins Leben gerufen haben. In den meisten Kliniken jedoch ahnen die Patienten nichts von den Risiken, denen sie ausgesetzt sind. Klaus-Dieter Zastrow von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene: "Das ist ein gigantisches Problem. Und was das Dramatische ist, und das, was einem allmählich mal die Galle hochkommen lässt: Es ist leicht zu lösen."
Ein paar Erlebnisse aus dem eigenen früheren Krankenpfleger-Leben:
Septische Knochenstation (so was gibt es..). Keime ohne Ende, denn hier kann man den Knochen live beim Wachsen (oder Faulen - je nachdem) zusehen. Es ist Wochenende und die Septische Knochenstation ist als Aufnahmestation ausgeguckt - auf der Privaten wäre noch Platz, aber privat ist eben Privat. Munter strömen die Patienten in Richtung Septische und belegen die paar freien Betten, die wir haben. U.a. eine Verbrennungspatientin. Merke I: Verbrennungsopfer brauchen weitestgehende Keimfreiheit. Und den Anblick von Verbrennungen kann man privaten Mitpatienten nicht zumuten (ausserdem liegen auf den Fussböden der Zimmer echte Perser*) und das ist nicht gut für verbrannte Wunden - von wegen der Keime)...Ein Skoliosepatient soll mit einem „Halo“ für eine spätere Operation vorbereitet werden. Dazu müssen Schrauben in den Kopf gedreht werden (hört sich brutaler an als es ist). Herr Doktor macht sich an die Arbeit. Ungewaschene Hände, denn er ist in Zeitdruck. Ich reiche ihm demonstrativ ein paar sterile Handschuhe. Und muss mir einen Vortrag anhören, dass Chirurgenhände immer sauber seien, weil sie wegen der vielen Operationen so oft gewaschen werden müssen...
Neuro-Wach mit vielen tracheotomierten Patienten - und die müssen ständig abgesaugt werden. Mit Absaugkathetern. Da geht es ins Geld, ständig neue zu verwenden. Also gibt es eine Anordnung, man möge diese Dinger jeweils einen ganzen Tag lang benutzen. 24 Stunden. Immer den gleichen. Was mit dem daran klebenden Rotz passiert, wenn er dann 24 Stunden vor sich hin schmurgelt, weiss jeder Nichtmediziner...
Frau Müller hat einen positiven MRSA-Befund. Leider ist ihre neurologische Schädigung noch nicht ausreichend behandelt worden, aber MRSA hört sich nicht gut an. Eine Gefahr für die Station, man stelle sich vor, dieser MRSA wandere auf andere Patienten über. Oder gar den Chefarzt. Nicht auszudenken. Also muss Frau Müller noch heute nach Hause entlassen werden, damit so dort weniger Schaden anrichte. Frau Stationsdoktorin schreibt einen kurzen Arztbrief, ich lese ihn später. Von MRSA lese ich nichts...
Früher hatten wir eine Stationshilfe. Nein, zwei. Die waren für den hauswirtschaftlichen Kram da, inklusive Putzen. Das war sehr teuer. Irgendwann wurde das Putzen an einen externen Unternehmer vergeben. Und so sah es dann auch bald aus und so klebte es dann auch bald überall dort, wo man hinfasste. Aber die externe Putztürkin bekam halt auch nur 2 Stunden 30 Minuten zugestanden um eine komplette Station zu putzen. Geht einfach nicht, aber es ist billig...
Soll ich mehr erzählen...?
*) apropos Perser: Der wurde anlässlich eines Aufenthaltes eines leibhaftigen Bundespräsidenten angeschafft und von daher ist das entschuldigt