Hahnemann war nicht der Erste!
veröffentlicht am: Montag, den 28. September
Samuel Hahnemann legte den Grundstein für die
heutige Homöopathie. Der Begriff der Homöopathie
entstammt dem Griechischen und bedeutet nichts
Anderes als "Heilen mit Ähnlichem". D.h. man heilt
mit einem Heilmittel, dessen wesentliche
Wirkungsrichtung sich in grossen Zügen mit der
Charakteristik der zu heilenden Krankheit deckt.
Homöopathische Mittel sind meistens potenziert und kommen in Form kleiner Kügelchen ("Globuli") oder als als Tinktur daher. Um mit "Ähnlichem" zu heilen, muss man nicht zwingend Kügelchen geben (man kann Kügelchen auch sehr unhomöopathisch geben), sondern durchaus jedes Heilmittel kann prinzipiell nach dem prinzip der Homöopathie angewendet werden. Ja, die Mittel müssen noch nicht einmal potenziert sein.
Dieser Grundgedanke des Heilens mit Ähnlichem hatte bereits eine lange Tradition vor Hahnemann, gerade die so genannte Signaturenlehre, bei der man vom Habitus einer Heilpflanze auf deren Wirkung schloss (und in aller Regel gar nicht so sehr daneben lag) hat grosse Überschneidungen mit dem Ähnlichkeitsgesetz der Homöopathie.
Einer der wichtigsten Vertreter der Vor-Hahnemann-Zeit war Paracelsus. er formulierte eine für damalige Verhältnisse hochmoderne Medizin, er stellte die oben angerissene Signaturenlehre auf festen Boden und Hahnemann entlehnte von ihm auch das Prinzip mit möglichst kleinen Dosen des Heilmittels zu arbeiten. Hahnemann verfeinerte den von Paracelsus vorgegebenen Gedanken: Nichts ist Gift und Alles ist Gift - es kommt nur auf die Dosis an", schliesslich kam Hahnemann auf den Gedanken der Potenzierung, bei der Heilmittel schrittweise so verdünnt werden, die im Heilmittel enthaltene Wirkstoffdosis so sehr verdünnt wird, das letztlich gar nichts mehr Materielles im Heilmittel nachweisbar ist. der etablierte Wissenschaftler wird beim Untersuchen solcher Globuli nur noch Zucker finden und sich wundern. Der Homöopath wundert sich zwar auch, kann letzlich auch nichts nachweisen, aber er hat eine grosse Erfahrung mit solchen Kügelchen gemacht, die doch gar keine materiellen Wirkstoffe mehr enthalten (muss wohl was Anderes, Immaterielles drin sein...).
Ich will das jetzt nicht weiter vertiefen, denn eigentlich wollte ich eine Laudatio auf Paracelsus vorstellen, die ein Professor Stacher aus Wien 1193 an der Paracelsus Akademie in Villach gehalten hat. Immerhin war Paracelsus einer derjenigen Mediziner, die Hahnemann nachhaltig geprägt haben und die den Boden für die Homöopathie geebnet haben:
Bildquelle: Department of Library Services, Christian Medical College
Was blieb von Paracelsus?
Es ist völlig unmöglich, in der gegebenen Zeit das Phänomen Paracelsus und seine Wirkung auf die heutige Zeit nur annähernd zu beschreiben. Es ist schon die Frage, ob dies überhaupt sinnvoll ist, denn von ihm selbst stammt die Aussage "Was nützt uns der Regen, der vor 1000 Jahren gefallen ?". Nun, es sind noch keine 1000 Jahre her, daß er lebte, sein 500. Geburtstag wurde bekanntlich vor 2 Jahren gefeiert. Was fasziniert uns aber heute noch an diesem Arzt, der gar nicht bescheiden in der Auseinandersetzung mit der damals etablierten Medizin von sich selbst sagt: "Wenn ich gestorben sein werde, dann lebt meine Lehre noch." Bei dem Versuch, ihn zu charakterisieren, wollen wir mit dem uns abenteuerlich anmutenden Lebenslauf beginnen.
1493 wurde Theophrast Bombast von Hohenheim bei Einsiedeln als einziges Kind des schwäbischen Edelmanns Wilhelm von Hohenheim und der aus Einsiedeln stammenden Gotteshaustochter Els Ochsner geboren. Erdhaftigkeit, Gottesgläubigkeit und Streben nach höherer Bildung - der Vater war Sohn aus verarmtem Ritteradel und litt sein Leben lang darunter - begleiteten Paracelsus durchs Leben. Früh starb seine Mutter. Mit 9 Jahren übersiedelte er nach Villach in Kärnten. Der Vater, nun Stadtarzt, führte seinen Sohn in die Geheimnisse der Natur ein. 1505 - 15 studierte Paracelsus an verschiedenen Universitäten und erlangte 1515 sein Doktorat in Ferrara. 1516 - 24 wanderte er durch ganz Europa und war auch als Feldarzt in verschiedenen Kriegen tätig. 1524 - 26 weilte er in Salzburg, verließ die Stadt aber während des Bauernkrieges. Über Baden-Baden und den Raum Freiburg gelangte er 1526 nach Straßburg, erhielt das Bürgerrecht und die Zunftmitgliedschaft und arbeitete als praktizierender Arzt. Nur kurze Zeit lehrte er in Basel. Er wurde dort zum Stadtarzt und Professor ernannt. Sehr bald legte er sich mit seinen Kollegen an, wetterte gegen die nur aus ungeprüft übernommenem Buchwissen bestehende medizinische Praxis. Die großen medizinischen Lehrbücher seiner Zeit verbrannte er auf einem Scheiterhaufen am Basler Marktplatz.
Nach einem Honorarstreit floh er 1528 nach Colmar. Zwischen 1529 - 30 weilte er in Nürnberg. "Alles Quatsch" meinte Paracelsus in verschiedenen Schriften über die Therapie der sich ausbreitenden Syphilis mit dem teuren, von den Fuggern aus Südamerika importierten Guajakholz. "Das Holz hilft lediglich den Fuggern, die durch den Handel mit der medizinisch wertlosen Droge reich werden". Kaum war diese Kritik bekannt, wurden seine Schriften über Syphilis verboten.
Als Reaktion auf dieses Publikationsverbot schrieb er seine Verteidigungsschriften. 1531 - 32 entstanden in St. Gallen weitere Publikationen. 1534 - 35 beschäftigte er sich mit der Bergkrankheit und den Heilbädern. Es entstanden die ersten - aus heutiger Sicht - arbeitsmedizinischen Arbeiten. 1535 finden wir ihn in Bad Pfäfers wieder. 1536 erschien in Ulm und Augsburg die "Große Wundarzney". Es ist sein größtes, noch zu Lebzeiten gedrucktes Werk. 1537 schrieb er seine beiden Werke "Philosophia Sagax" und "Astronomia Magna". 1538/39 hielt er sich in Wien und Klagenfurt auf. Es entstanden die Kärntner Schriften.
Am 24.9.1541 stirbt Paracelsus in Salzburg und vermacht seine restliche, armselige Habe den Armen. Er war nie verheiratet.
Erst 1955 erschienen die "Septem Defensiones" und der "Labyrinthus medicorum errantium", zwei Hauptwerke, also 417 Jahre nach dem Versprechen des Landes Kärnten, sie zu drucken. Viele seiner Schriften wurden zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt, viele Publikationen, die ihm zugeschrieben werden, stammen auch offensichtlich nicht von ihm, es bildete sich ein wahrer Mythos heraus. Das ist verständlich, denn wenn man sie liest, muß man sich fragen, in welcher Funktion er eigentlich lehrte und schrieb: als Arzt, Naturphilosoph, Pharmakologe, Alchimist, Theologe, Religionsphilosoph oder nur als religiöser Mensch ? Er war alles in einem und in erster Linie ein hervorragender Arzt. Paracelsus lebte in einer Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit, in einer Phase des Umbruches und der Orientierungslosigkeit, er war kein Nachbeter autoritärer Lehren, sondern bekämpfte sie. Er war aber eigentlich auch kein Protagonist neuer Wissenschaften, obwohl sich zahlreiche Fächer auf ihn berufen. So zitieren ihn die Pulmologen und Arbeitsmediziner wegen der Beschreibung der "Bergsucht", der Lungenerkrankung der Bergarbeiter, die Pharmakologen wegen des von ihm verwendeten Opiums. Die biologische Chemie nimmt ihn für sich in Anspruch, weil er ihr Bahnbrecher, damals Jatrochemie genannt, war. Die Endokrinologen weisen auf seine Arbeiten über Kropf und Kretinismus hin und in der "Wundarzney" beschrieb er erstmals die Antisepsis. Nicht vergessen dürfen wir die Homöopathen und die Anthroposophen, die sich ebenso auf ihn berufen wie viele, die physikalische Verfahren durchführen. Vielleicht wird Paracelsus heute deshalb besonders hoch geschätzt, weil wir auch eine zunehmende Orientierungslosigkeit sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft erfahren, zweifellos auch in einer Zeit des Umbruches leben und nach Menschen lechzen, die rückhaltlos ihre Meinung sagen. Ich glaube, am meisten imponiert seine Rebellion gegen die Autoritäten. Er hatte Anhänger seiner Lehren, die ihn den neuen "Luther der Medizin" nannten, aber auch zahlreiche Feinde, die nicht vornehm mit ihm umgingen: Sie nannten ihn das Verderben von Wissenschaft und Religion, Genossen des Satans, Säufer, Ketzer, Verrückter, Betrüger, grunzendes Schwein und seine Schüler wurden ungebildetes Eselspack genannt.
Paracelsus war aber auch nicht feiner und wetterte gegen Geldpfaffen, Kälberärzte, Requiemsdoktoren, lausige Sophisten, Polsterprofessoren u.a.m. Er wagte es, in deutscher Sprache zu lehren, wo die etablierte Medizin nur lateinisch sprach, er hatte nur selten einen festen Wohnsitz, er achtete nicht auf seine Kleidung und sagte von sich selber, daß er immer "allein und fremd und anders" sei. Er hatte aber ein großes Selbstbewußtsein, seiner Überzeugung nach schenkt generell und auch ihm gerade "die Gnade der Armut", von der er immer wieder redet, die Freiheit des Geistes und des Herzens. Dem allen entspricht auch sein Grundsatz: "Alterius non sit, qui suus esse potest", also übersetzt etwa "Niemand sei von einem anderen abhängig, der für sich selbst sein kann." Was sind nun seine Lehren ? In der Vorrede zu seinem Buch "Paragranum" schreibt er die Grundsätze: "Ich setz' meinen Grund auf vier Säulen, als in die Philosophei, die Astronomei, die Alchemei und die Tugend". Philosophie meint hier am ehesten die Naturkunde vom Menschen, also eine medizinische Anthropologie, die Astronomie die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Kosmos unter Einschluß der Zeitkunde, die Alchemie bedeutet die Stoffwechselprozesse und damit die biochemische Energetik des Organismus und die Tugend ist die Ethik der Handlungen des Arztes. Die Liebe verbindet diese 4 Säulen mit dem Wissen "im Licht der Natur".
Die Ursachen von Krankheiten sind die ungünstige Mischung von 3 Prinzipien - "ähnlich der Humoralpathologie. So ist der übermäßige Gehalt von Sulfur (Schwefel ist brennbar und gelb) Quelle von hitzigen Krankheiten wie Fieber und Pest. Er verursacht auch die Gelbsucht. Ein zu hoher Anteil von Sal (Salz zieht Wasser an und verhindert die Fäulnis) ist Zeichen für Wassersucht und feuchte Rippenfellentzündung. Salz kann sich auch als Tartarus ablagern. Innerlich verursacht Sal Verstopfungen und Verhärtungen, äußerlich Hautgeschwüre und Lepra. Das dritte Prinzip, Mercurius sublimiert im Aufsteigen, schlägt sich besonders im Gehirn nieder und verursacht Melancholie oder Manie. Mit seinen Entitäten und den daraus abgeleiteten Ebenen des Gesund- und Krankseins entwickelte Paracelsus ein komplexes System der Medizin. Für ihn gibt es zwei Philosophien, die des Himmels und die der Erde. Jede für sich macht noch keinen ganzen Arzt, da dieser um beide und ihren Synergismus wissen muß:
Die erste und oberste Kategorie unserer existentiellen Verfassung nennt Paracelsus das "ens astrale". Hier ist keineswegs die Wirkung der Gestirne auf das irdische Geschehen gemeint, sondern das kosmologische Gerüst, das den Menschen in seiner Umwelt und Geschichte hält. Zur Welt der Natur tritt damit eine Welt an Zeit, Werden und Vergehen, Schicksal und Geschichte. Jeder von uns hat seinen eigenen Zeit - Raum und reift darin zu seiner eigenen Vollendung.
Mit der nächsten Säule der Heilkunst, dem "ens veneni" haben wir die komplette Philosophie der menschlichen Existenz vor uns. Der Mensch erscheint hier in einem ständigen Anpassungsprozess und damit in einer Symbiose mit seiner Umwelt, in ständiger Rezeption und Exkretion, heute würde man sagen, in ständigem input und output. Individuum und Sozialsphäre kommen in diesem lebenslangen Prozeß erst nach und nach zur Integration und Symbiose. Die Natur gibt nichts, das schon vollendet wäre, meint er, sondern "der Mensch muß es vollenden". Dieses Ens veneni lehrt uns u.a. die giftigen Stoffe der Umwelt zu verwerfen und ihre Heilkraft zu suchen.
Das "ens naturale" stellt den natürlichen Lebenslauf einer notwendigerweise befristeten Existenz mit all ihren genetischen Anlagen und kritischen Entgleisungsmöglichkeiten dar. Der Leib ist nicht nur ein Medium zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, er ist ein Mesokosmos, eine ganze Zwischenwelt, ein eigener Endokosmos. Das ens naturale weist uns, wie man über das Äußere zum Inneren kommt. Deshalb soll ein Arzt auf einem "geordneten Weg" und mit "Wissenheit der Kunst" wie ein Landfahrer oder Pilger Welt und Leben kennenlernen.
Das nächste Glied nennt Paracelsus "Ens spirituale", das Gesundsein und Krankwerden aus dem Geiste, dem spiritus. Die Macht des Geistes mag nicht nur die schwache Natur zu stützen, sondern sich oft genug gegen alle Natur durchzusetzen. Alles aber, was wir in diesen Bereichen von Zauberkräften der Imagination während der Schwangerschaft oder Einwirkung des Gestirns auf einen Menschen hören, sollen wir als "gute Fabel" gelten lassen. Gerade hier will Paracelsus nicht viele Worte machen über "Leben und Herkommen der Seele", weil das nun nicht in unserer "Experienz" (Erfahrung) stehe. Nur das, was Augen sehen und Hände fassen, nur das ist Wirklichkeit des Menschen. Das letzte, das "ens dei" hat Paracelsus deutlich gegen den profanen Bereich abgegrenzt. Gott ist es letztlich, der Gesundheit verleiht, Krankheiten zuläßt und Heilmittel schenkt. "Alle Dinge stehen in einer Ordnung und die Ordnung fließt aus dem Gebet". Das Hauptgebot aber lautet, daß wir einander in der Not Hilfe erweisen. Wie Gott der Arzt der großen Welt ist, soll der Medicus der Arzt der kleinen Welt sein.
Diese 5 Entien muß man natürlich als geschlossenes erkenntnistheoretisches System sehen, welches, wie er sagt, "die Gewalt hat, alle Krankheiten zu gebären".
In der Praxis war seine Lehre rein empirisch und naturphilosophisch spekulativ. Da er vorwiegend in deutscher Sprache lehrte, erfand er auch neue Ausdrücke. Er verglich Krankheiten mit Umweltsituationen, so den Schlaganfall mit dem Blitz, die Wassersucht mit Überschwemmung, die Atrophie mit Austrocknung und leitete daraus die Therapie ab. Immer wieder betont er in seinen Schriften die Ganzheit des Menschen, denn "es ist ein Wesen, wie der Mensch gesund oder krank ist". Für ihn ist "die Medizin das Ganze und das letzte aller Dinge", so daß er - allerdings ohne Erfolg - auch versuchte, die Medizin zur dominierenden Wissenschaft der Universitäten zu machen. "Ganz sein macht aber auch den Medicus", der "aus dem Herzen denken und handeln muß".
Paracelsus beschäftigte sich besonders auch mit der Ethik der Ärzte: Zu allen Zeiten hat es in seinen Augen zwei Arten von Ärzten gegeben, "solche die aus Liebe handeln und solche, die ihren Eigennutz betreiben". Die ersteren nennt er "Lammärzte", denn "wie ein Lamm oder Schaf soll ein Arzt sein, der von Gott ist", die zweiten "Wolfsärzte", da sie sich wie reißende Wölfe verhalten und nichts als Eigennutz, Pracht und Pomp im Sinne haben, obschon sie wissen, daß sie nichts können. Der gute Arzt ist dazu da, "die Not zu wenden" und der "höchste Grund der Arznei (hier im Sinne von Behandlung) ist die Liebe". Die "Barmherzigkeit ist der Schulmeister der Ärzte, aber im Hause der Kranken müssen auch die Bewohner und Diener diese Barmherzigkeit üben". Damit hat er nach heutiger Nomenklatur auch die anderen medizinischen Dienste erstmals mit eingeschlossen.
In seinen "Defensiones", den Verteidigungsreden gegen die ihn angreifenden Ärzte fragt er sie, ob sie denn überhaupt wüßten, was Gift sei und was nicht. Er kommt zu seinem berühmten Satz "alle Dinge sind ein Gift und nichts ist ohne Gift, nur die Dosis bewirkt, daß ein Ding kein Gift sei". Er sagt aber auch, daß die "Arznei" eine Kunst ist, die mit großem Gewissen, mit großer Erfahrung und mit Gottesfurcht ausgeübt werden soll". Er findet seine Arcana (Heilmittel) durch Empirie und die Signaturenlehre. Er führt erstmalig Mineralien in die Therapie ein (Schwefelsäure, Eisen, Salpeter, schwefelsauren Ammoniak, kohlensaures Natron, pulvis solaris ruber, eine (Quecksilber-Antimon- Verbindung) und setzt diese beispielsweise erstmalig bei der Syphilis ein. Gerade dadurch machte er sich, wie bereits erwähnt, das damals mächtige Haus Fugger zum Feind. Er polemisierte aber auch gegen die zeitgenössischen Apotheker, die er "Suppenwürste und Sudelböcke" nannte, deren Apotheken reines "Schelmenwerk" seien, eine "Diebes- und Beschißgrube". Er polemisierte gegen die Polypragmasie, verlangte vom Arzt alchymisches Denken, also Wissen über Alchemie, "da wir am Kraut, den Gesteinen oder Bäumen allein die Schlacke sehen, nicht die Arznei, die inwendig ist". Zur Erkennung der inneren wirksamen Stoffe brauchen wir die Alchemie !
Auch der Mensch verfügt über einen "inneren Alchemisten", den sogenannten "Archeus", der aus den Nahrungsstoffen das Brauchbare aufnimmt und das Giftige ausscheidet. Gemeint sind nach heutiger Diktion die Verdauung und Ausscheidung. Durch fehlerhafte Tätigkeit entstehen Niederschläge an verschiedenen Körperstellen, die Tartara und bewirken die tartarischen Krankheiten wie Gicht, Rheuma und Steinkrankheiten. Sie sind daher - für die damalige Zeit eine bahnbrechende Meinung ! - durch auflösende und ausleitende Heilmethoden, nicht nur chirurgisch zu behandeln. Im übrigen verlangte er, daß die Chirurgie, die damals noch keineswegs von Ärzten betrieben wurde, Teil der ärztlichen Tätigkeit und Lehre werden solle.
Man könnte noch stundenlang über die Thesen, Aussprüche, über grundlegende Erkenntnisse und Philosophie wie Religion des Paracelsus sprechen, doch überschritte das den gegebenen Rahmen. Was ist also von ihm geblieben bzw. was können wir heute noch von ihm lernen ? Einmal eine absolut ganzheitliche Sicht des Menschen, bei dem Körper, Geist und Psyche untrennbar sind. Die Zuwendung oder, wie er sagt, die Liebe des Arztes zum Patienten muß die Basis jeder Interaktion sein. Die Beachtung der Natur und Umwelt, die Philosophie der Ernährung, die Forderung nach geordneter Arbeit und Lebensführung, die Regelkreise des Stoffwechsels und die Kultur der Leidenschaften im - wie er es nennt - Regiment der Gesundheit stellen einen universellen Anspruch an eine umfassende Heilkunst dar. Paracelsus war stets ein Suchender, der selbst auch ununterbrochen lernte, wobei er jeden, der mehr wußte als er, ob Bauer, Wirt, Geistlicher, Arzt oder Wissenschaftler als Ratgeber akzeptierte. Durch sein bewegtes Wanderleben war er im wahrsten Sinn des Wortes ein Europäer. Er trat für seine Überzeugung und seine Patienten überall rückhaltlos ein. Das brachte ihm weder offizielle Ehren noch Reichtum. Er selbst schrieb: "Sie trieben mich aus Litauen, danach aus Preußen, danach aus Polen, das war nicht genug. Ich gefiel den Niederländern nicht, den Universitäten auch nicht, weder Juden noch München. Ich dank' aber Gott: Den Kranken gefiel ich!"
Und so können wir heute sagen: Paracelsus war und bleibt ein Vorbild für jeden Arzt, der nicht nur Befunde jedweder Art beurteilt, sondern den kranken Menschen in seiner Ganzheit, in seinem sozialen Umfeld, in seiner Umwelt sieht, beurteilt und versucht, ihm nach seinen Beobachtungen und Erfahrungen sowie nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen.
(Urheberschaft des Textes unbekannt - Text an mir leider mittlerweile unbekannter Stelle gefunden und dann von mir überarbeitet. Der ursprüngliche Urheber möge mir verzeihen)
Homöopathische Mittel sind meistens potenziert und kommen in Form kleiner Kügelchen ("Globuli") oder als als Tinktur daher. Um mit "Ähnlichem" zu heilen, muss man nicht zwingend Kügelchen geben (man kann Kügelchen auch sehr unhomöopathisch geben), sondern durchaus jedes Heilmittel kann prinzipiell nach dem prinzip der Homöopathie angewendet werden. Ja, die Mittel müssen noch nicht einmal potenziert sein.
Dieser Grundgedanke des Heilens mit Ähnlichem hatte bereits eine lange Tradition vor Hahnemann, gerade die so genannte Signaturenlehre, bei der man vom Habitus einer Heilpflanze auf deren Wirkung schloss (und in aller Regel gar nicht so sehr daneben lag) hat grosse Überschneidungen mit dem Ähnlichkeitsgesetz der Homöopathie.
Einer der wichtigsten Vertreter der Vor-Hahnemann-Zeit war Paracelsus. er formulierte eine für damalige Verhältnisse hochmoderne Medizin, er stellte die oben angerissene Signaturenlehre auf festen Boden und Hahnemann entlehnte von ihm auch das Prinzip mit möglichst kleinen Dosen des Heilmittels zu arbeiten. Hahnemann verfeinerte den von Paracelsus vorgegebenen Gedanken: Nichts ist Gift und Alles ist Gift - es kommt nur auf die Dosis an", schliesslich kam Hahnemann auf den Gedanken der Potenzierung, bei der Heilmittel schrittweise so verdünnt werden, die im Heilmittel enthaltene Wirkstoffdosis so sehr verdünnt wird, das letztlich gar nichts mehr Materielles im Heilmittel nachweisbar ist. der etablierte Wissenschaftler wird beim Untersuchen solcher Globuli nur noch Zucker finden und sich wundern. Der Homöopath wundert sich zwar auch, kann letzlich auch nichts nachweisen, aber er hat eine grosse Erfahrung mit solchen Kügelchen gemacht, die doch gar keine materiellen Wirkstoffe mehr enthalten (muss wohl was Anderes, Immaterielles drin sein...).
Ich will das jetzt nicht weiter vertiefen, denn eigentlich wollte ich eine Laudatio auf Paracelsus vorstellen, die ein Professor Stacher aus Wien 1193 an der Paracelsus Akademie in Villach gehalten hat. Immerhin war Paracelsus einer derjenigen Mediziner, die Hahnemann nachhaltig geprägt haben und die den Boden für die Homöopathie geebnet haben:
Bildquelle: Department of Library Services, Christian Medical College
Was blieb von Paracelsus?
Es ist völlig unmöglich, in der gegebenen Zeit das Phänomen Paracelsus und seine Wirkung auf die heutige Zeit nur annähernd zu beschreiben. Es ist schon die Frage, ob dies überhaupt sinnvoll ist, denn von ihm selbst stammt die Aussage "Was nützt uns der Regen, der vor 1000 Jahren gefallen ?". Nun, es sind noch keine 1000 Jahre her, daß er lebte, sein 500. Geburtstag wurde bekanntlich vor 2 Jahren gefeiert. Was fasziniert uns aber heute noch an diesem Arzt, der gar nicht bescheiden in der Auseinandersetzung mit der damals etablierten Medizin von sich selbst sagt: "Wenn ich gestorben sein werde, dann lebt meine Lehre noch." Bei dem Versuch, ihn zu charakterisieren, wollen wir mit dem uns abenteuerlich anmutenden Lebenslauf beginnen.
1493 wurde Theophrast Bombast von Hohenheim bei Einsiedeln als einziges Kind des schwäbischen Edelmanns Wilhelm von Hohenheim und der aus Einsiedeln stammenden Gotteshaustochter Els Ochsner geboren. Erdhaftigkeit, Gottesgläubigkeit und Streben nach höherer Bildung - der Vater war Sohn aus verarmtem Ritteradel und litt sein Leben lang darunter - begleiteten Paracelsus durchs Leben. Früh starb seine Mutter. Mit 9 Jahren übersiedelte er nach Villach in Kärnten. Der Vater, nun Stadtarzt, führte seinen Sohn in die Geheimnisse der Natur ein. 1505 - 15 studierte Paracelsus an verschiedenen Universitäten und erlangte 1515 sein Doktorat in Ferrara. 1516 - 24 wanderte er durch ganz Europa und war auch als Feldarzt in verschiedenen Kriegen tätig. 1524 - 26 weilte er in Salzburg, verließ die Stadt aber während des Bauernkrieges. Über Baden-Baden und den Raum Freiburg gelangte er 1526 nach Straßburg, erhielt das Bürgerrecht und die Zunftmitgliedschaft und arbeitete als praktizierender Arzt. Nur kurze Zeit lehrte er in Basel. Er wurde dort zum Stadtarzt und Professor ernannt. Sehr bald legte er sich mit seinen Kollegen an, wetterte gegen die nur aus ungeprüft übernommenem Buchwissen bestehende medizinische Praxis. Die großen medizinischen Lehrbücher seiner Zeit verbrannte er auf einem Scheiterhaufen am Basler Marktplatz.
Nach einem Honorarstreit floh er 1528 nach Colmar. Zwischen 1529 - 30 weilte er in Nürnberg. "Alles Quatsch" meinte Paracelsus in verschiedenen Schriften über die Therapie der sich ausbreitenden Syphilis mit dem teuren, von den Fuggern aus Südamerika importierten Guajakholz. "Das Holz hilft lediglich den Fuggern, die durch den Handel mit der medizinisch wertlosen Droge reich werden". Kaum war diese Kritik bekannt, wurden seine Schriften über Syphilis verboten.
Als Reaktion auf dieses Publikationsverbot schrieb er seine Verteidigungsschriften. 1531 - 32 entstanden in St. Gallen weitere Publikationen. 1534 - 35 beschäftigte er sich mit der Bergkrankheit und den Heilbädern. Es entstanden die ersten - aus heutiger Sicht - arbeitsmedizinischen Arbeiten. 1535 finden wir ihn in Bad Pfäfers wieder. 1536 erschien in Ulm und Augsburg die "Große Wundarzney". Es ist sein größtes, noch zu Lebzeiten gedrucktes Werk. 1537 schrieb er seine beiden Werke "Philosophia Sagax" und "Astronomia Magna". 1538/39 hielt er sich in Wien und Klagenfurt auf. Es entstanden die Kärntner Schriften.
Am 24.9.1541 stirbt Paracelsus in Salzburg und vermacht seine restliche, armselige Habe den Armen. Er war nie verheiratet.
Erst 1955 erschienen die "Septem Defensiones" und der "Labyrinthus medicorum errantium", zwei Hauptwerke, also 417 Jahre nach dem Versprechen des Landes Kärnten, sie zu drucken. Viele seiner Schriften wurden zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt, viele Publikationen, die ihm zugeschrieben werden, stammen auch offensichtlich nicht von ihm, es bildete sich ein wahrer Mythos heraus. Das ist verständlich, denn wenn man sie liest, muß man sich fragen, in welcher Funktion er eigentlich lehrte und schrieb: als Arzt, Naturphilosoph, Pharmakologe, Alchimist, Theologe, Religionsphilosoph oder nur als religiöser Mensch ? Er war alles in einem und in erster Linie ein hervorragender Arzt. Paracelsus lebte in einer Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit, in einer Phase des Umbruches und der Orientierungslosigkeit, er war kein Nachbeter autoritärer Lehren, sondern bekämpfte sie. Er war aber eigentlich auch kein Protagonist neuer Wissenschaften, obwohl sich zahlreiche Fächer auf ihn berufen. So zitieren ihn die Pulmologen und Arbeitsmediziner wegen der Beschreibung der "Bergsucht", der Lungenerkrankung der Bergarbeiter, die Pharmakologen wegen des von ihm verwendeten Opiums. Die biologische Chemie nimmt ihn für sich in Anspruch, weil er ihr Bahnbrecher, damals Jatrochemie genannt, war. Die Endokrinologen weisen auf seine Arbeiten über Kropf und Kretinismus hin und in der "Wundarzney" beschrieb er erstmals die Antisepsis. Nicht vergessen dürfen wir die Homöopathen und die Anthroposophen, die sich ebenso auf ihn berufen wie viele, die physikalische Verfahren durchführen. Vielleicht wird Paracelsus heute deshalb besonders hoch geschätzt, weil wir auch eine zunehmende Orientierungslosigkeit sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft erfahren, zweifellos auch in einer Zeit des Umbruches leben und nach Menschen lechzen, die rückhaltlos ihre Meinung sagen. Ich glaube, am meisten imponiert seine Rebellion gegen die Autoritäten. Er hatte Anhänger seiner Lehren, die ihn den neuen "Luther der Medizin" nannten, aber auch zahlreiche Feinde, die nicht vornehm mit ihm umgingen: Sie nannten ihn das Verderben von Wissenschaft und Religion, Genossen des Satans, Säufer, Ketzer, Verrückter, Betrüger, grunzendes Schwein und seine Schüler wurden ungebildetes Eselspack genannt.
Paracelsus war aber auch nicht feiner und wetterte gegen Geldpfaffen, Kälberärzte, Requiemsdoktoren, lausige Sophisten, Polsterprofessoren u.a.m. Er wagte es, in deutscher Sprache zu lehren, wo die etablierte Medizin nur lateinisch sprach, er hatte nur selten einen festen Wohnsitz, er achtete nicht auf seine Kleidung und sagte von sich selber, daß er immer "allein und fremd und anders" sei. Er hatte aber ein großes Selbstbewußtsein, seiner Überzeugung nach schenkt generell und auch ihm gerade "die Gnade der Armut", von der er immer wieder redet, die Freiheit des Geistes und des Herzens. Dem allen entspricht auch sein Grundsatz: "Alterius non sit, qui suus esse potest", also übersetzt etwa "Niemand sei von einem anderen abhängig, der für sich selbst sein kann." Was sind nun seine Lehren ? In der Vorrede zu seinem Buch "Paragranum" schreibt er die Grundsätze: "Ich setz' meinen Grund auf vier Säulen, als in die Philosophei, die Astronomei, die Alchemei und die Tugend". Philosophie meint hier am ehesten die Naturkunde vom Menschen, also eine medizinische Anthropologie, die Astronomie die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Kosmos unter Einschluß der Zeitkunde, die Alchemie bedeutet die Stoffwechselprozesse und damit die biochemische Energetik des Organismus und die Tugend ist die Ethik der Handlungen des Arztes. Die Liebe verbindet diese 4 Säulen mit dem Wissen "im Licht der Natur".
Die Ursachen von Krankheiten sind die ungünstige Mischung von 3 Prinzipien - "ähnlich der Humoralpathologie. So ist der übermäßige Gehalt von Sulfur (Schwefel ist brennbar und gelb) Quelle von hitzigen Krankheiten wie Fieber und Pest. Er verursacht auch die Gelbsucht. Ein zu hoher Anteil von Sal (Salz zieht Wasser an und verhindert die Fäulnis) ist Zeichen für Wassersucht und feuchte Rippenfellentzündung. Salz kann sich auch als Tartarus ablagern. Innerlich verursacht Sal Verstopfungen und Verhärtungen, äußerlich Hautgeschwüre und Lepra. Das dritte Prinzip, Mercurius sublimiert im Aufsteigen, schlägt sich besonders im Gehirn nieder und verursacht Melancholie oder Manie. Mit seinen Entitäten und den daraus abgeleiteten Ebenen des Gesund- und Krankseins entwickelte Paracelsus ein komplexes System der Medizin. Für ihn gibt es zwei Philosophien, die des Himmels und die der Erde. Jede für sich macht noch keinen ganzen Arzt, da dieser um beide und ihren Synergismus wissen muß:
Die erste und oberste Kategorie unserer existentiellen Verfassung nennt Paracelsus das "ens astrale". Hier ist keineswegs die Wirkung der Gestirne auf das irdische Geschehen gemeint, sondern das kosmologische Gerüst, das den Menschen in seiner Umwelt und Geschichte hält. Zur Welt der Natur tritt damit eine Welt an Zeit, Werden und Vergehen, Schicksal und Geschichte. Jeder von uns hat seinen eigenen Zeit - Raum und reift darin zu seiner eigenen Vollendung.
Mit der nächsten Säule der Heilkunst, dem "ens veneni" haben wir die komplette Philosophie der menschlichen Existenz vor uns. Der Mensch erscheint hier in einem ständigen Anpassungsprozess und damit in einer Symbiose mit seiner Umwelt, in ständiger Rezeption und Exkretion, heute würde man sagen, in ständigem input und output. Individuum und Sozialsphäre kommen in diesem lebenslangen Prozeß erst nach und nach zur Integration und Symbiose. Die Natur gibt nichts, das schon vollendet wäre, meint er, sondern "der Mensch muß es vollenden". Dieses Ens veneni lehrt uns u.a. die giftigen Stoffe der Umwelt zu verwerfen und ihre Heilkraft zu suchen.
Das "ens naturale" stellt den natürlichen Lebenslauf einer notwendigerweise befristeten Existenz mit all ihren genetischen Anlagen und kritischen Entgleisungsmöglichkeiten dar. Der Leib ist nicht nur ein Medium zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, er ist ein Mesokosmos, eine ganze Zwischenwelt, ein eigener Endokosmos. Das ens naturale weist uns, wie man über das Äußere zum Inneren kommt. Deshalb soll ein Arzt auf einem "geordneten Weg" und mit "Wissenheit der Kunst" wie ein Landfahrer oder Pilger Welt und Leben kennenlernen.
Das nächste Glied nennt Paracelsus "Ens spirituale", das Gesundsein und Krankwerden aus dem Geiste, dem spiritus. Die Macht des Geistes mag nicht nur die schwache Natur zu stützen, sondern sich oft genug gegen alle Natur durchzusetzen. Alles aber, was wir in diesen Bereichen von Zauberkräften der Imagination während der Schwangerschaft oder Einwirkung des Gestirns auf einen Menschen hören, sollen wir als "gute Fabel" gelten lassen. Gerade hier will Paracelsus nicht viele Worte machen über "Leben und Herkommen der Seele", weil das nun nicht in unserer "Experienz" (Erfahrung) stehe. Nur das, was Augen sehen und Hände fassen, nur das ist Wirklichkeit des Menschen. Das letzte, das "ens dei" hat Paracelsus deutlich gegen den profanen Bereich abgegrenzt. Gott ist es letztlich, der Gesundheit verleiht, Krankheiten zuläßt und Heilmittel schenkt. "Alle Dinge stehen in einer Ordnung und die Ordnung fließt aus dem Gebet". Das Hauptgebot aber lautet, daß wir einander in der Not Hilfe erweisen. Wie Gott der Arzt der großen Welt ist, soll der Medicus der Arzt der kleinen Welt sein.
Diese 5 Entien muß man natürlich als geschlossenes erkenntnistheoretisches System sehen, welches, wie er sagt, "die Gewalt hat, alle Krankheiten zu gebären".
In der Praxis war seine Lehre rein empirisch und naturphilosophisch spekulativ. Da er vorwiegend in deutscher Sprache lehrte, erfand er auch neue Ausdrücke. Er verglich Krankheiten mit Umweltsituationen, so den Schlaganfall mit dem Blitz, die Wassersucht mit Überschwemmung, die Atrophie mit Austrocknung und leitete daraus die Therapie ab. Immer wieder betont er in seinen Schriften die Ganzheit des Menschen, denn "es ist ein Wesen, wie der Mensch gesund oder krank ist". Für ihn ist "die Medizin das Ganze und das letzte aller Dinge", so daß er - allerdings ohne Erfolg - auch versuchte, die Medizin zur dominierenden Wissenschaft der Universitäten zu machen. "Ganz sein macht aber auch den Medicus", der "aus dem Herzen denken und handeln muß".
Paracelsus beschäftigte sich besonders auch mit der Ethik der Ärzte: Zu allen Zeiten hat es in seinen Augen zwei Arten von Ärzten gegeben, "solche die aus Liebe handeln und solche, die ihren Eigennutz betreiben". Die ersteren nennt er "Lammärzte", denn "wie ein Lamm oder Schaf soll ein Arzt sein, der von Gott ist", die zweiten "Wolfsärzte", da sie sich wie reißende Wölfe verhalten und nichts als Eigennutz, Pracht und Pomp im Sinne haben, obschon sie wissen, daß sie nichts können. Der gute Arzt ist dazu da, "die Not zu wenden" und der "höchste Grund der Arznei (hier im Sinne von Behandlung) ist die Liebe". Die "Barmherzigkeit ist der Schulmeister der Ärzte, aber im Hause der Kranken müssen auch die Bewohner und Diener diese Barmherzigkeit üben". Damit hat er nach heutiger Nomenklatur auch die anderen medizinischen Dienste erstmals mit eingeschlossen.
In seinen "Defensiones", den Verteidigungsreden gegen die ihn angreifenden Ärzte fragt er sie, ob sie denn überhaupt wüßten, was Gift sei und was nicht. Er kommt zu seinem berühmten Satz "alle Dinge sind ein Gift und nichts ist ohne Gift, nur die Dosis bewirkt, daß ein Ding kein Gift sei". Er sagt aber auch, daß die "Arznei" eine Kunst ist, die mit großem Gewissen, mit großer Erfahrung und mit Gottesfurcht ausgeübt werden soll". Er findet seine Arcana (Heilmittel) durch Empirie und die Signaturenlehre. Er führt erstmalig Mineralien in die Therapie ein (Schwefelsäure, Eisen, Salpeter, schwefelsauren Ammoniak, kohlensaures Natron, pulvis solaris ruber, eine (Quecksilber-Antimon- Verbindung) und setzt diese beispielsweise erstmalig bei der Syphilis ein. Gerade dadurch machte er sich, wie bereits erwähnt, das damals mächtige Haus Fugger zum Feind. Er polemisierte aber auch gegen die zeitgenössischen Apotheker, die er "Suppenwürste und Sudelböcke" nannte, deren Apotheken reines "Schelmenwerk" seien, eine "Diebes- und Beschißgrube". Er polemisierte gegen die Polypragmasie, verlangte vom Arzt alchymisches Denken, also Wissen über Alchemie, "da wir am Kraut, den Gesteinen oder Bäumen allein die Schlacke sehen, nicht die Arznei, die inwendig ist". Zur Erkennung der inneren wirksamen Stoffe brauchen wir die Alchemie !
Auch der Mensch verfügt über einen "inneren Alchemisten", den sogenannten "Archeus", der aus den Nahrungsstoffen das Brauchbare aufnimmt und das Giftige ausscheidet. Gemeint sind nach heutiger Diktion die Verdauung und Ausscheidung. Durch fehlerhafte Tätigkeit entstehen Niederschläge an verschiedenen Körperstellen, die Tartara und bewirken die tartarischen Krankheiten wie Gicht, Rheuma und Steinkrankheiten. Sie sind daher - für die damalige Zeit eine bahnbrechende Meinung ! - durch auflösende und ausleitende Heilmethoden, nicht nur chirurgisch zu behandeln. Im übrigen verlangte er, daß die Chirurgie, die damals noch keineswegs von Ärzten betrieben wurde, Teil der ärztlichen Tätigkeit und Lehre werden solle.
Man könnte noch stundenlang über die Thesen, Aussprüche, über grundlegende Erkenntnisse und Philosophie wie Religion des Paracelsus sprechen, doch überschritte das den gegebenen Rahmen. Was ist also von ihm geblieben bzw. was können wir heute noch von ihm lernen ? Einmal eine absolut ganzheitliche Sicht des Menschen, bei dem Körper, Geist und Psyche untrennbar sind. Die Zuwendung oder, wie er sagt, die Liebe des Arztes zum Patienten muß die Basis jeder Interaktion sein. Die Beachtung der Natur und Umwelt, die Philosophie der Ernährung, die Forderung nach geordneter Arbeit und Lebensführung, die Regelkreise des Stoffwechsels und die Kultur der Leidenschaften im - wie er es nennt - Regiment der Gesundheit stellen einen universellen Anspruch an eine umfassende Heilkunst dar. Paracelsus war stets ein Suchender, der selbst auch ununterbrochen lernte, wobei er jeden, der mehr wußte als er, ob Bauer, Wirt, Geistlicher, Arzt oder Wissenschaftler als Ratgeber akzeptierte. Durch sein bewegtes Wanderleben war er im wahrsten Sinn des Wortes ein Europäer. Er trat für seine Überzeugung und seine Patienten überall rückhaltlos ein. Das brachte ihm weder offizielle Ehren noch Reichtum. Er selbst schrieb: "Sie trieben mich aus Litauen, danach aus Preußen, danach aus Polen, das war nicht genug. Ich gefiel den Niederländern nicht, den Universitäten auch nicht, weder Juden noch München. Ich dank' aber Gott: Den Kranken gefiel ich!"
Und so können wir heute sagen: Paracelsus war und bleibt ein Vorbild für jeden Arzt, der nicht nur Befunde jedweder Art beurteilt, sondern den kranken Menschen in seiner Ganzheit, in seinem sozialen Umfeld, in seiner Umwelt sieht, beurteilt und versucht, ihm nach seinen Beobachtungen und Erfahrungen sowie nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen.
(Urheberschaft des Textes unbekannt - Text an mir leider mittlerweile unbekannter Stelle gefunden und dann von mir überarbeitet. Der ursprüngliche Urheber möge mir verzeihen)