Samuel Hahnemann in den Fussstapfen des Hippokrates

Im § 1 des Organon schreibt Hahnemann:

“Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.”

Hahnemann forderte eine wissenschaftliche Grundlegung der Medizin. Für ihn muss medizinische Erkenntnis und ärztliches Handeln rein empirisch herleitbar und rational erklärbar sein. Theoretische Erkenntnisse der Medizin mussten sich auf tatsächlich Beobachtbarem gründen, ebenso mussten sie einem Vergleich mit anderen methodischen Ansätzen Stand halten können.

Hahnemann gründete zwar in der hippokratischen Forderung nach Systematisierung der Theorie und Praxis, er entfernte sich aber endgültig von jeglichem theurgischem (siehe rechts) Ansatz, wie er auch noch bei Hippokrates Grundlage hatte.

Moderne Medizin ist das Kind der Aufklärung, die parallel zum Verfall feudaler Strukturen mit der Renaissance die historische Neuzeit begründete. Alle Prozesse der Natur wurden materialistischen Erklärungsmodellen untergeordnet. Alles wurde in immer kleinere Einheiten teilbar, bis hinunter auf atomare und heute gar subatomare Objekte; alle Beziehungen dieser Einheiten untereinander wurden auf mechanistischer Ebene erklärbar gemacht und somit gleichsam entseelt.

Die Medizin war Teil dieser erkenntnistheoretischen Entwicklung. Der menschliche Organismus wurde zu einer Ansammlung von einzelnen Objekten der materiellen Welt, die untereinander auf rein chemisch-physikalischer Ebene miteinander kommunizieren. Der als Maschine abbildbare Organismus wurde quasi zur Karikatur dieses Denkens. Alles musste und muss mess- und wägbar sein, andernfalls existiert es nicht. Eine wie auch immer geartete Kraft, die die auf materieller oder physikalischer Ebene beobachtbaren Prozesse antreibt, hat in diesem Denken keinen Platz. Das wissenschaftliche Vorgehen wird hinsichtlich der Betrachtung von Lebensprozessen flach und bleibt an der Oberfläche.

Ärztliches Handlungsziel wird auf diese Weise niemals die Heilung des Patienten sein können (dieser Begriff wird erst gar nicht mehr verstanden), sondern im besten Falle die „Restitutio ad integram“:
  • der Arzt ist erfolgreich, wenn er die Symptome beseitigt hat,
  • oder: vor dem Hintergrund unserer kapitalistischen, auf Warenaustausch basierenden Industriegesellschaft reduziert sich das Ziel auf die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit,
  • oder noch krasser: Gesundheit wird so zu einem Attribut, das den Marktwert des Patient und seiner Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt erhöht - die aktuelle gesundheitspolitische Diskussion steht für den Beweis dieser Kritik.
Letztlich kam mit dieser Reduktion von Lebensprozessen auf die rein materiellen Vorgänge die ethische Grundlegung ärztlichen Handelns abhanden. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, ebenso wie die nach dem Sinn ärztlichen Tuns stellt sich erst gar nicht. Der Erfolg ärztlicher Arbeit ist bereits dann nachgewiesen, wenn das Tun die rein materiellen Kausalitäten bestätigt (provokanter und sicher überzeichnet:

"Operation gelungen - Patient tot...").

Gemeinsam mit den mafios entarteten materiellen Arbeitsbedingungen der modernen Medizin in unserer Industriegesellschaft wird eine Medizin mit solcher ethischer Grundlegung, ein Vorgehen, das letztlich keine ethische Grundlegung hat, zur Gefahr für den Heilung suchenden Patienten.