Konstitutionelle versus chronische Therapie?

Immer wieder wird der Begriff von der „Konstitutionstherapie“ gleich gesetzt mit Einzelmittelhomöopathie oder aber wird eben diese „Konstitutionstherapie“ als die homöopathische Methode schlechthin zur Behandlung chronischer Beschwerden und Probleme angesehen. Leider ist da ein Denkfehler selbst unter gestandenen Therapeuten wird hier nicht ausreichend differenziert. Hierzu ein paar Worte...

In jeder Wissenschaft wird man verschiedene Herangehensweisen an ein Thema finden. Das ist auch kein Problem, so lange die Grundsätze dieser Wissenschaft nicht verlassen werden, sondern im Gegenteil kann die Betrachtung eines Themas aus verschiedenen Blickrichtungen nur von Vorteil sein.

Man darf nicht den gedanklichen Fehler begehen, es gäbe hier eine Diskrepanz zwischen chronischer (d.h. „antimiasmatischer“) Therapie einerseits und konstitutioneller Therapie andererseits. Hahnemann selbst hat nicht von „Konstitutionstherapie“ gesprochen, er schrieb von der Behandlung chronischer Krankheiten.

Letztlich ist das aber fast eine Diskussion im Elfenbeinturm, weil beides das Gleiche zum Ziel hat. Allerdings mag ich selbst den Begriff der „konstitutionellen“ Therapie nicht so gerne übernehmen (oder nur mit Bauchschmerzen), dies aus mehreren Gründen:

1. der Begriff der konstitutionellen Therapie geht auf die KENT ́sche Schule zurück. Wer also den Begriff "Konstitutionstherapie" verwendet, zeigt damit, dass er dieser Schule folgt. Leider verwenden viele Therapeuten diesen Begriff auch dann, wenn sie dieser Schule gar nicht folgen, sondern sie machen es aus einer Art Nachlässigkeit heraus, in welcher sie sich keine Gedanken darüber machen, dass Begriffe einen Inhalt haben, der eine bestimmte Festlegung dieses Inhaltes zur Folge hat.

Ich lehne den Ansatz der KENT ́schen Schule keineswegs ab (er ist einer unter mehreren möglichen), aber ich folge ihm auch nicht ausdrücklich. Daher kann ich bei meiner Herangehensweise auch nicht von "Konstitutionstherapie" sprechen. Trotzdem ist mein Ansatz eine chronische Therapie im HAHNEMANN ́schen Verständnis.

2. Eine „Konstitution“ umfasst überdauernde (also chronische) Strukturen und Organisationen eines Organismus, die sich in pathologischen und nicht pathologischen Prozessen gleichermassen äussern. Da ich der Ansicht bin, dass man nicht pathologische Vorgänge nicht weg therapieren sollte, muss ich mich also auf den pathologischen Anteil der Konstitution konzentrieren. Hier -nur hierkann eine Therapie ansetzen, das nicht Pathologische eines Menschen muss ich als Wesensmerkmal des Individuums hinnehmen und ich würde mir nicht das Recht heraus nehmen wollen, diesen Anteil mit einer Therapie ändern zu wollen.

Homöopathen behandeln Krankheiten und keine Konstitutionen. Gleichwohl gebe ich zu (sehe dies als wesentliche Grundlage des homöopathischen Gedankengebäudes), dass Krankheiten auch chronische Verläufe haben können, welche sich in konstitutionellen Prägungen niederschlagen können, die sogar so sehr überdauern können, dass sie von Generation zu Generation weiter gegeben werden. Aber nur diesen pathologischen Anteil der Konstitution gehen wir an. Wenn wir Begriffe wie den von der „Konstitution“ verwenden (v.a. dann wenn es um so wesentliche Dinge wie die Beschreibung eines theoretischen Konzeptes geht), müssen wir diese Begriffe mit grosser Exaktheit verwenden.

Die Ausdehnung der Therapie auf beide Aspekte der Konstitution, hat in den vergangenen Jahren zu Schulen und Strömungen geführt, welche nichts mehr mit dem HAHNEMANN ́schen Ansatz zu tun haben. Was nicht krank ist, kann ich auch nicht therapieren...

3. Konstitutionstherapie ist keinesfalls gleichzusetzen mit der Gabe von Einzelmitteln. Wir behandeln in der Homöopathie keine statischen Zustände, sondern Prozesse sowohl in der Akutwie auch der chronischen Therapie. Auch in einer chronischen Therapie (meinetwegen auch „Konstitutionstherapie“) muss ich bereit sein auf die Veränderbarkeit der Prozesse eingehen zu können. Dies mache ich dadurch, dass ich den Prozess in seiner Veränderbarkeit beobachte und auf die Veränderungen mit einem jeweils passenden Mittel antworte. Dies kann im Einzelfall heissen, dass ich über lange Zeit immer wieder das gleiche Mittel gebe, aber genauso kann es sein, dass ich die Mittel kurzfristig wechsele.

Da ein Organismus in der Tiefe mehrschichtig organisiert ist, kann dies im Einzelfall sogar auch bedeuten, dass ich mehrere Ebenen gleichzeitig angehen will und dazu ggfs. auch mehrere Mittel gleichzeitig gebe. Auch dies steht dem HAHNEMANN ́schen Ansatz nicht entgegen.